Let love take away all this pain

Hier hab ich einfach mal eine FF, die ihr lesen könnt, wenn ihr wollt...BJ selbstverständlich^^

 

Be careful who you meet

 

Schon als kleines Kind (und ich meine als sehr kleines Kind), habe ich mir immer ausgemalt, wie toll es sein würde, einen Star zu treffen. Man würde etwas aus dem Leben einer berühmten Person erfahren, sich nett unterhalten, Erinnerungsfotos schießen und sich Autogramme holen. Doch, ehrlich, wann hatte man schon diese Gelegenheit?

Bei einem Gewinnspiel vielleicht, aber dort standen die Chancen genauso gut, wie beim Lotto.

Eine weitere Option wären Filmpremieren, aber ich als berufstätiger Single, hatte bis jetzt noch nie Zeit dafür. Und das, obwohl ich in Berlin wohne! Erschreckend, ich weiß.

Doch was ist mit Musikern? Wann und wo könnte man die treffen? Ich merke schon, grübeln bringt es einfach nicht. Warten aber allerdings auch nicht. Warten auf so eine Chance, die es vielleicht nie geben wird.

Nichts desto trotz liebe ich mein Leben. Schade nur, dass die große Liebe bis jetzt immer an mir vorbeigegangen war. Das war möglicherweise auch der Grund, dass ich so viele Stars wie möglich treffen wollte. Um mir wenigstens diesen Traum zu erfüllen.

Zum Glück habe ich eine tolle Ablenkung in meinem Leben. Wenn nicht sogar zwei. Meinen Beruf und meine Freunde. Ich arbeite als Volontärin für eine bekannte Boulevard Zeitung, die einen ihrer Sitze hier in Berlin hatte. Daher habe ich mir auch erhofft, jemand berühmten zu treffen, aber mir werden solche professionellen Interviews einfach nicht zugetraut. Zu Recht, muss ich sagen, schließlich arbeite ich noch nicht so lange und mir fehlt die nötige Erfahrung.

„Gut, na ja, versuchen könnte man es ja trotzdem.“, tönte Susi, meine beste Freundin, bei jedem Telefongespräch. Wir hatten selten die Gelegenheit, uns zu treffen. Aber dafür strapazierten unsere Quasselabende die Telefonrechnung. Ein Nachteil, den man aber leicht vergessen konnte.

„Mensch Natalie, ergreif doch mal eine Chance, wenn sie da ist. Okay, du bekommst solche Interviews nicht, aber vielleicht könntest du dich ja mal irgendwo einschleusen. Oder du bettelst, bis es klappt. Oder du schläfst dich hoch.“ Bei letzterem brachen wir beide in hellem Lachen aus. Es war fast unmöglich, sich dadurch Vorteile zu verschaffen, weil alle männlichen Kollegen und Vorgesetzte entweder zu alt, zu jung oder zu hässlich waren. Ja, oder aber, sie hatten einfach zu viel beziehungsweise zu wenig Macht. Und alleine bei dem Gedanken, ich müsste mit meinem Chef ins Bett steigen, wurde mir übel.

Ich vergesse diesen Gedanken lieber schnell wieder, da er mir doch zu abwegig erscheint.

Ja ja, es gibt schon Momente in meinem Leben, die ich für immer leben möchte. Vor allem, wenn es um meine große Leidenschaft geht. Musik. Vor allem eine Band hat es mir seit Jahren angetan und ich war schon auf einigen Konzerten. Wenn man erst einmal damit angefangen hat, dann kommt man davon nicht mehr los…

 

***

 

Mein Wecker klingelte laut und krähte eine ohrenbetäubende Melodie, sodass ich es genoss, ihn auf den Boden zu schmeißen. Ich wollte mir schon seit Wochen einen neuen zulegen, aber ich hatte einfach keine Zeit dazu. Ja, mir fehlte einfach die Zeit für mich selbst. Ich wurde mit Arbeit überhäuft, aber leider waren es genau solche Aufgaben, für die sie auch einen x-beliebigen schicken könnten. Aber was konnte ich denn schon erwarten?

Mit einem schlurfenden Geräusch stellte ich mich vor den Spiegel. Ich musste mehr Selbstvertrauen aufbauen. Mehr innere Stärke. Und ich brauche dringend einen Freund. Am besten so ein Model mit Traumbody und sonniger Stimme. Jemanden, der mich zum Lachen bringen kann. Jemand, der Musik macht. Jemand wie…

Und genau in diesem unpassenden Moment klingelte mein Handy. Ich suchte es unter meinen ganzen Sachen und fand es schließlich neben einem benutzen Paar Socken.

„Ja?“, meldete ich mich hektisch und hoffte, dass der Anrufer noch dran war.

„Hi Natalie, ich bin’s, Alex. Wir brauchen dich dringend im Büro. Es wird dir gefallen.“, sagte die Stimme am anderen Ende.

Ich suchte schnell nach sauberer Unterwäsche in meinem chaotischen Singlehaushalt.

„Du weißt, wie sehr ich Überraschungen liebe.“, sagte ich sarkastisch und zog mir Socken über die rot lackierten Zehennägel.

„Dann beeil dich schnell. Bis gleich!“ Damit legte Alex auf und ich beendete auch das Gespräch.

Oh man, ich war so aufgeregt, obwohl ich noch nicht einmal wusste, was mich überhaupt erwartete. Das konnte man übrigens nie wissen. Vor allem nicht, wenn man für eine Zeitung arbeitete.

Ein paar Minuten später suchte ich immer noch meine restlichen Klamotten zusammen.

Ich hoffte auf eine einmalige Gelegenheit und ich betete zu Gott (wenn es ihn denn geben sollte), dass dies mein großer Durchbruch werden würde.

Vollkommen in Hektik und mit dem Autoschlüssel in der Hand, verließ ich meine Wohnung und stürmte zum Auto. Wie immer hatte ich vergessen, die Tür abzuschließen, doch das viel mir erst auf, als ich schon die halbe Strecke zurückgelegt hatte.

Meine Haare waren völlig zerzaust und ich fragte mich, warum ich eigentlich so viel Stress machte, obwohl es vielleicht gar keinen Grund dafür geben könnte.

Dazu kam noch, dass ich die völlig falschen Schuhe ausgewählt hatte. Stiefel. Hochhackige Stiefel, mit denen das Treppensteigen die reinste Tortur war.

ENDLICH stand ich vor der Tür zur Redaktion und atmete noch einmal durch, bevor ich dir Türklinke drücke und eintrat.

Alex kam mir mit schnellen Schritten entgegen.

„Da bist du ja endlich!“, sagte er erleichtert und schob mich in Richtung Besprechungsraum.

„Was ist denn los?“, fragte ich außer Atmen und grüßte einige Kollegen, die an mir vorbei kamen.

„Das wirst du sehen, das wirst du sehen. Wie gesagt, es wird dir wirklich gefallen.“ Er öffnete eine Tür und wir gingen, nein, rannten förmlich in den Raum, wo Hubert, mein Chef, mit großen Augen auf mich wartete.

„Da sind Sie ja!“, bemerkte er kurz, schaute mich von Kopf bis Fuß an und ließ ein eigenartiges Geräusch von sich. „War es gestern eine lange Nacht?“

Ich wusste nicht wirklich, was er meinte, geschweige denn, warum er mich so anblickte. Dann schaute ich selbst an mir herunter und merkte, dass nichts, aber auch gar nichts von meiner Kleidung zusammenpasste.

„Scheint so.“, sagte ich kurz und knapp. Ich setzte mich auf den Stuhl vor mir und errötete leicht. Es war doch schon komisch, was einem in einer Stresssituation alles passieren konnte.

„Na ja. Okay, kommen wir jetzt zum wichtigen Teil. Ich weiß, wie sehr Sie Musik lieben und ich weiß auch, dass Sie auf eine Chance warten.“, begann Hubert das Gespräch.

Woher zum Teufel wusste er, was ich schon seit Monaten dachte? Kann er hellsehen oder ist das alles so offensichtlich?

„Ja, das tue ich. Sehr sogar.“, antwortete ich wahrheitsgemäß und wartete auf meine Überraschung.

„Ich kann mir vorstellen, dass es schwer werden wird. Aber mir ist zu Ohren gekommen, dass sie ein großer Fan von dieser Band sind. Wie heißt die noch mal?“

Fast prüfend, als ob er mich testen wollte, schaute er in meine Augen. Ich fühlte mich bedrängt, ja, aber was blieb mir anderes übrig, als zu antworten?

„Bon Jovi, meine Lieblingsband heißt Bon Jovi.“

Hubert nickte. „Ja, genau, die meine ich. Und jetzt raten Sie mal, wer am Donnerstag ein Konzert gibt?“

Ich schaute ihn skeptisch, fast ungläubig an.

„Bon Jovi?“, fragte ich.

„Himmel Herr Gott, natürlich! Und damit Sie nicht die ganze Zeit Rätsel raten müssen: Wir planen, eine Story zu veröffentlichen. Eine Story über Bon Jovi, die schon seit so langer Zeit im Showbiz sind und unzählige Konzerte gegeben haben. Dabei liegt unser Augenmerk besonders auf Jon Bon Jovi.“

Ich legte den Kopf schief und zog eine Augenbraue hoch.

„Und wieso nur Jon?“

Hubert stütze sich auf dem Tisch auf.

„Deswegen. Das gibt bessere Kritiken und mehr Leser.“, antwortete er.

Ich wollte seine Antwort aber nicht akzeptieren und so stur wie ich war, hielt ich dagegen.

„Aber die Band besteht aus Tico, Richie, David UND Jon. Es ist eine Band und kein Solokünstler.“ Obwohl Jon dies ja auch mal war, fügte ich in Gedanken hinzu.

„Hören Sie, entweder Sie beenden diese Diskussion sofort oder wir suchen uns jemand anderen dafür. Es ist meine Entscheidung, wen und was ich in dieser Zeitung haben möchte und nicht Ihre. Es wäre eine Chance, die Sie sicherlich haben wollen. Zumal Sie ein Fan sind, aber unter diesen Vorraussetzungen…“

„Nein, ist schon gut. Entschuldigen Sie bitte.“, fiel ich meinem Chef ins Wort.

In seinem Blick bemerkte ich einen kleinen Triumph…über mich.

„Nun gut, ich will mal nicht so sein. Also, Sie begleiten die Jungs einen ganzen Tag lag, interviewen Jon Bon Jovi und ein paar Fans. Fotos wären übrigens auch eine Ihrer Aufgabe. Und, ach ja, wir haben Karten für Sie. Schreiben Sie einfach ein wenig über die Atmosphäre und alles drum herum. Und vergessen Sie die Gerüchte nicht.“

„Welche Gerüchte?“, fragte ich ein wenig überfordert.

„Na die Gerüchte, dass Jon Bon Jovi sehr zugänglich für Fans sein soll.“, entgegnete Hubert genervt.

„Ich soll also mit JON BON JOVI flirten? Ist das Ihr Ernst? Er ist verheiratet.“, sagte ich. Das klang sehr unglaubwürdig, ich weiß, schließlich war er mein Traummann schlecht hin, aber mit so einer Aktion könnte ich das ganze Interview ruinieren.

„Sie machen das schon.“, antwortete Hubert kurz. Was für eine Antwort! Nun ja, so war Hubert nun mal. Er legte viel Wert auf eigenständige Arbeit, verlangte aber mehr als machbar war.

Völlig perplex und ein wenig überrumpelt, verließ ich den Raum und setzte mich einige Ecken weiter an meinen Schreibtisch. Das war meine große Chance und dies galt nicht nur für berufliches. Ein Traum würde wahr werden. Ein Treffen mit meiner Lieblingsband…und mit meinem Traummann. Wow. Eigentlich war mir Hubert zu wider und auch jetzt könnte ich ihn für alles verfluchen. Aber diese Geste war einfach zu nett. Ich wusste nicht, womit ich das verdient haben könnte. Sicher, ich habe alle meine Aufgaben mit Bravur erledigt, bin (fast) immer pünktlich und nett. Doch es war schon ein tolles Gefühl zu sehen, dass man endlich Vertrauen in mich hatte.

„Und?“ Alex hatte sich mit einer Pobacke auf meinen Schreibtisch gesetzt und starrte mich neugierig an.

„Was uns?“, fragte ich.

„Ist das nicht etwas Tolles?“

„Machst du Witze? Das ist grandios, genial, super! Das ist alles Gute dieser Welt zusammen.“, antwortete ich mit Überschwung.

Alex grinste bis über beide Ohren. „Ich hab’s dir doch gesagt. Ich wusste, wie sehr du Bon Jovi liebst.“

Auf einmal wurde mir alles klar. Mein Mund öffnete sich ein wenig und meine Augen funkelten stolz.

„Du hast mir dieses Interview verschafft, ja?“, stellte ich halb fragend fest, aber für mich gab es da keinen Zweifel mehr.

Als Alex noch mehr lachte, begann ich auch, zu grinsen und nahm ihn in den Arm.

„Du bist so ein Schatz, weißt du das?“, sagte ich und lachte in mich hinein.

„Ach, nun übertreib mal nicht. Ich weiß doch ganz genau, wie sehr du dir das gewünscht hast. Wir arbeiten zwar noch nicht lange zusammen, aber du bist eine tolle Kollegin und du hast ein verdammtes Potential für diesen Beruf. Verdient hast du dir das alle male!“, erklärte er mir und ich gab ihm einen Knutscher auf die Wange.

„Wenn ich jemals irgendetwas für dich tun soll, dann mache ich das! Du hast mir gerade meinen Traum erfüllt! Es ist ja nicht so, als würde mir diese Chance sooo viel bedeuten, aber Jon Bon Jovi zu treffen, wow, das ist es, was ich schon immer wollte!“

Alex war gerührt, jedenfalls hatte ich den Eindruck, und ich war einfach nur so dankbar für alles.

„Mach was draus, ich weiß, dass es ein voller Erfolg werden wird.“, versicherte er mir.

Alex stand auf und wollte gehen.

„Alex.“, rief ich ihm nach, er blieb stehen und drehte sich um.

„Wie hast du es geschafft, Hubert zu überreden, mich für diese Story einzusetzen?“ Ich war nun mal neugierig und ich denke, niemand würde mir dies in dieser Situation verübeln.

„Du hast das gewisse Etwas und bist ein Fan. Das ist eine große Sache und für dich wäre es DIE Gelegenheit. Ich habe dich vorgeschlagen und gemacht, was getan werden musste. Et voila, du hast die Story. Hubert ist doch nicht so ein schlechter Mensch, wie alle denken.“

Den letzten Satz flüsterte er mir zu und ich warf ihm ein dankbares Lächeln zu, bevor ich zum Telefon griff und eine sehr bekannte Nummer wählte.

„Hi Susi!“, sprach ich in den Hörer, als sich meine Freundin meldete.

„Du weißt nicht, was mir gerade passiert ist!“

Ich spürte förmlich die Aufregung in mir hochsteigen.

„Nein, ich weiß es nicht…nun sag schon!“, drängte sie wissbegierig.

„Ich habe eine Story…eine JAHRHUNDERTSTORY! Etwas, dass ich nie, nein, nie in meinem Leben vergessen werde.“

Mit einem großen Lächeln auf den Lippen, schlug ich meine Beine übereinander, spielte mit der Telefonschnur und wartete auf Susis Stimme.

„Spuck es aus, was ist denn passiert? Mensch Süße, du klingst ja, als hättest du weiß was ich weiß gewonnen.“

„Oh ja, das habe ich auch. Ich darf Jon Bon Jovi interviewen, ein Konzert besuchen, ja, die ganze Band treffen…und Jon in die Augen blicken.“, antwortete ich stolz.

Alleine bei dem Gedanken an das Treffen in 2 Tagen, würde mir heiß und kalt zugleich. Ich liebte diesen Mann und seine Stimme einfach und ihm jetzt Gesicht zu Gesicht gegenüberzustehen, das war schon was.

Einige Sekunden herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. Dann meldete sich Susi wieder.

„Du triffst…Jon Bon Jovi? DER Jon Bon Jovi? Der, von dem du seit Jahren schwärmst und mir die Ohren zuheulst, dass du gerne ein Date mit ihm hättest? Und vor allem die Band, die du jeden Tag hörst, auch dann, wenn du eigentlich keine Lust dazu hast?“

Ich wusste, wie sehr Susi sich in diesem Moment für mich freute.

„Ja, genau dieser Mann und ja, genau diese Band. Ist das nicht der Hammer?“

„Und wie! Das ist der Oberhammer!“, sagte Susi und ich würde sie am liebsten in den Arm nehmen.

„Wie hast du das eigentlich geschafft? Warst du doch mit deinem Chef…?“, fragte sie.

„Ach quatsch, bloß nicht. All das habe ich Alex zu verdanken, der ein gutes Wort für mich eingelegt hat. Vielleicht solltest du dich doch mal mit ihm verabreden, Susi!“

Am anderen Ende der Leitung ertönte ein lautes Lachen.

„Mal sehen.“, sagte sie und auch ich brach in Gelächter aus.

Als ich Susi das erste Mal von Alex erzählt hatte, war sie ganz hin und weg und seit diesem Augenblick wusste ich, dass sich die beiden unbedingt mal treffen sollten.

„Na gut, wir werden das schon gebacken kriegen. Du rufst mich heute Abend noch mal an, ja? Ich muss jetzt weiterarbeiten. Schließlich bereitet sich ein Interview nicht von selbst vor. Tschüss!“

Ich wartete noch auf eine kurze Antwort, dann legte ich auf. Mit einem Seufzer lehnte ich mich in meinem Stuhl zurück und schloss die Augen.

Ich sah schon jetzt die Situation vor mir. Jon direkt vor mir, wartet, dass ich ihm eine Frage stelle…und ich bekomme vor Aufregung keinen Ton heraus! Oh je, langsam bekam ich es mit der Angst zu tun. Was, wenn es schief geht und ich mich blamiere? Ich bin nun mal schon immer ein Tollpatsch gewesen und in sämtliche Fettnäpfchen getreten. Ich kann doch nicht ernsthaft einen Fehler vor meinem Traummann machen? Okay, Fehler sind menschlich, aber doch nicht vor so einem Star wie ihm. Doch so sehr ich auch aufgeregt war, ich freute mich einfach tierisch. Für mich war das wie Ostern, Weihnachten und Geburtstag zusammen.

 

***

 

Donnerstag Morgen brauchte ich keinen Wecker. Ich war überpünktlich wach. Mein Herz pochte schon jetzt lauter als je zuvor. Jedenfalls hatte ich den Eindruck. Und es war erst 7 Uhr! Was sollte denn noch aus dem Tag werden, wenn ich jetzt schon vor einem Nervenzusammenbruch stand? Ja, ich merke schon, ich übertreibe maßlos, doch…ach Mensch, ich finde dafür einfach keine Gründe, es ist so.

Nach einer ausgiebigen Dusche setzte ich mich auf mein Sofa und legte den Kopf in den Nacken. „Cool down, ganz ruhig bleiben Natalie.“, sagte ich laut vor mich hin und überlegte, ob ich mich nicht doch lieber beim Yoga hätte anmelden sollen. Dann hätte ich jetzt Meditieren können, aber ich hatte keinen blassen Schimmer, wie das gehen sollte.

Gestern hatte ich weitere Informationen für das Interview und die ganze Sache bekommen und ich fragte mich nun, wieso alles auf den letzten Drücker erledigt werden musste. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass dieses große Ereignis erst in den letzten Tagen ernst genommen wurde. Dafür waren die Vorbereitungen einfach zu aufwendig. Natürlich war Bon Jovi „down to earth“ (das sagten mittlerweile alle aus meinem Umfeld…down to earth war so etwas wie ein Insider der ganz besonderen Art) und unkompliziert, aber ich hatte einen solchen Respekt vor dem Treffen. Rockstars waren sie, ja, Rockstars seit Jahrzehnten und ich mitten drin. Als Fan war ich vollkommen auf alles vorbereitet, aber als Journalistin und Single nicht. Seit wann glaubte ich, Natalie Schröder, irgendwelche Gerüchte von Klatschzeitungen? Oh nein, seit dem ich selbst bei einer arbeitete!! In diesem Moment der Erleuchtung wurde mir so einiges klar. Sicher, ich träumte seit Jahren von einer Karriere als Journalistin, die Stars treffen durfte und mir war der Hype um diese natürlich bewusst, aber Gerüchte zu fabrizieren und ihnen nachzugehen war doch ein wenig zu groß für mich. Hubert war doch größenwahnsinnig, als er mir vorgestern sagte, dass ich Jon auf den Zahn fühlen sollte. Hallo? Der Mann ist verheiratet, hat Familie und ich (auch wenn ich mir zugestehen musste, dass ich schon immer mal eine Femme Fatale sein wollte) konnte mich nicht einfach dazwischen werfen. Im Ernst, ich hatte nicht die geringste Chance etwas mit so einem Mann anzufangen und ich könnte es auch nicht. Ich bin ein viel zu guter Mensch dafür (Selbstlob stinkt, aber lassen wir das einfach mal bei Seite). Außerdem war er viel zu alt für mich. Ich mit meinen 24 Jahren und er über 40…wo sollte das denn hinführen?

Ich stockte einen Moment. Halt, was machte ich mir denn da für Gedanken! Das Treffen war kein Date, sondern ein professionelles Interview. Nur verstand ich nicht ganz, warum ich selbst Fotos machen sollte. Ich hatte schon ein wenig Erfahrung auf dem Gebiet und bis jetzt gab es immer mehrere Zeitungsteams, die sich um einen Star schlugen.

Ach, was soll’s, das bringt es jetzt auch nicht mehr. Das ist einfach eine Art Bewährungsprobe und damit ist gut. Anders wollte und konnte ich es mir nicht erklären.

3 Tassen Kaffee später hatte ich mich zwar wieder ein wenig beruhigt, allerdings war ich immer noch aufgeregt.

Nach dem gestrigen Telefongespräch mit Susi dürfte ich eigentlich gut ausgerüstet sein. Sie hatte mir jegliche Tipps zum Umgang mit Menschen gegeben. Ich solle ihm ihn die Augen schauen und das Interview einfach laufen lassen. Was sie nicht sagte. In die Augen blicken, ja, dies fiel mir ja bei anderen Männern schon schwer. Außerdem war ich hier die Journalistin, trotzdem verdiente Susi ein großes Dankeschön. Schließlich hatte sie sich meine Jammereien und all meinen Stress angehört und ertragen müssen. Sie wollte eben nur das Beste für mich und war der festen Überzeugung, dass ich Jon schon bezirzen würde. Womit, das war die Frage des Tages.

Wer weiß, was sich Susi alles aus diesem Treffen erhoffte. Ihr war alles zuzutrauen. Wohlmöglich dachte sie, dass mehr daraus werden würde…die beste Freundin der Gattin eines Rockstars war ja nun mal nicht die schlechteste Option.

Aber das waren alles nur Spinnereien von zwei Singles, die zu viel Sekt intus hatten. Und wir telefonierten nur. Keine Ahnung, was wir angestellt hätten, wenn wir zusammen auf Achse gewesen wären.

Dieser Gedanke zauberte ein Lächeln auf meine Lippen.

Um 17 Uhr sollte das Interview statt finden und um 20 Uhr begann das Konzert. 10 Stunden…10 verdammte Stunden trennten mich von Jon Bon Jovi.

 

***

 

Hubert stolzierte vor mir auf und ab.

„Wissen Sie, was sie zu tun haben?“, fragte er mich mit einem hektischen Unterton.

„Natürlich weiß ich das. Zwar habe ich noch keine solchen Starinterviews hinter mir, aber ich kenne mich gut genung aus um zu wissen, was ich zu tun habe.“

„Natalie, nehmen Sie es mir nicht übel, aber Sie wissen schon, dass es eine ganz große Sache ist? Ich habe Vertrauen in Sie, natürlich, ansonsten würde ich Ihnen dieses Interview niemals übergeben, aber ich möchte einfach, dass alles glatt geht.“, erklärte Hubert und fuhr sich durch sein leicht ergrautes Haar.

„Hören Sie, ich kann das voll und ganz verstehen, aber Jon Bon Jovi ist bei mir in den besten Händen. Ich als Fan weiß doch, was zu tun ist und ich gebe mein Bestes.“, versicherte ich ihm und legte meine Hand auf seine Schulter. Eigentlich war mir eine solche Nähe zu meinem Boss nicht recht, aber um ihn zu überzeugen, musste ich nun mal auch unangenehme Register ziehen.

„Gut, gut, ich glaube Ihnen.“ Er schnappte sich vom Tisch einen Umschlag und überreichte ihn mir.

„Da drin ist ein Backstagepass und ich hoffe, Sie haben ihren Journalistenausweis dabei. Ach ja, und Sie bekommen natürlich noch eine Kamera von uns.“

Ich erzwang ein kleines Lächeln, aber mein Herz schlug mir bis zum Hals.

Als ich die Kamera in meinen Händen hielt und zu meinem Auto ging, realisierte ich meine eigentliche Situation, doch es hab kein Zurück mehr für mich und ich wollte um keinen Preis alles hinschmeißen, nur weil ich aufgeregt war.

Um mich einzustimmen, legte ich „Have a nice day“ ein und sang während der Fahrt laut mit. Kritisch prüfte mein Blick ständig die Uhr. 16:00…16:01…16:03…ich würde schon rechtzeitig da sein.

Allerdings machte mir die Suche nach einem Parkplatz zu schaffen. Und dann blieb ich mit meinen Pumps auch noch in einem Gullydeckel hängen. Auch das noch!

„Verdammt!“, rief ich laut aus. Ich konnte mich wenden und drehen, aber der Absatz steckte fest.

Ganz plötzlich spürte ich eine Hand an meinem Fuß und ich merkte, wie mich jemand sanft abfing. Ich wusste nicht, was da vor sich ging, bis ich an mir runter schaute und sah, dass ich nur noch einen Schuh an hatte, aber dafür hing ich nicht mehr am Gully fest.

„Das ist doch sicher Ihr Schuh, oder?“

Die Stimme hinter mir erschreckte mich so sehr, dass ich herumfuhr und einen Schritt zurückstolperte.

„Oh…mein…Gott.“ Das waren die einzigsten Worte, die ich hervorbrachte.

Das Gesicht lächelte mich freundlich an.

„Ich glaube, Sie haben mich erkannt.“

Ich schaute zu Boden, wusste nicht, was ich sagen sollte.

„Ja…natürlich…Sie sind….Jon Bon Jovi.“, stotterte ich vor mich hin. Oh Gott war das peinlich!

„Ja, das bin ich. Und wessen Schuh halte ich in der Hand?“, fragte Jon Bon Jovi.

„Ämm…Natalie…Natalie Schröder heiße ich.“, stellte ich mich vor. Ja, so was nennt man heutzutage eine Vorstellung. Jedenfalls ich tue das.

Jon gab mir meinen Schuh zurück und ich zog ihn mir mit pochendem Herz wieder an.

„Sind Sie nicht die Journalistin, die mit mir ein Interview führen soll?“

Ich schaute ihn verdutzt an.

„Ja, die bin ich. Woher wissen Sie das?“

Jon lächelte immer noch und ich hatte überhaupt keinen Zweifel daran, dass er der BESTE war.

„Ich informiere mich gut.“, bekam ich als Antwort.

„Natürlich tun Sie das…entschuldigen sie mein Gestotter, aber ich bin regelrecht geschockt. Danke, dass Sie mir geholfen haben.“

Das konnte ja noch was werden, dachte ich.

„Keine Ursache. Ich rette andauernd Frauenfüße aus Gullydeckeln.“ Jon begann herzhaft zu lachen und auch ich konnte mich nicht zusammenreißen.

„Ich kann mir schon vorstellen, dass Sie ein wenig geschockt sind.“

Ich nickte und auf einmal schoss mir so viel durch den Kopf.

„Wissen Sie, ich habe damit einfach nie in meinem Leben gerechnet und da ich auch noch seit Jahren ein riesen Fan bin, ist das alles ein wenig zu viel.“, gestand ich leicht errötet.

„Oh, Sie sind ein Fan? Das freut mich aber sehr.“, sagte er.

„Sie sehen in Natura noch besser aus, als auf Fotos. Und selbst da sehen Sie schon verdammt gut aus.“, rutschte es mir heraus. Oh nein, warum nur? Das war ja noch peinlicher, als die Aktion mit meinem Schuh.

„Oh, es tut mir leid, so genau wollte ich das jetzt nicht sagen.“

Jon Bon Jovi lachte mich an und es schien so, als würde er es mir nicht übel nehmen, aber mir war es mehr als unangenehm.

„Das ist ja wirklich schön, dass ich Ihnen so gefalle. Sie sehen übrigens auch nicht übel aus.“, sagte er und musterte mich kurz.

Ich glaube, das war das schönste Kompliment, das mir je ein Mann gemacht hatte. Und da er sozusagen schon immer mein Traummann war, dachte ich doch wirklich, dass ich unschlagbar war.

„Dankeschön.“, entgegnete ich.

„Bitte, bitte. Wollen wir in den Backstagebereich gehen, damit wir das Interview beginnen und Sie die restlichen Jungs kennen lernen können?“, fragte Jon.

Ich bejahte seine Frage und folgte ihm in das Haus, das vor uns lag. Dabei erhaschte ich einen guten Blick auf Jons Hinterteil, das ich so ausgiebig wie möglich begutachtete. Vielleicht klingt das ein wenig billig, aber warum sollte man so eine Chance einfach sausen lassen?

Und schließlich gefiel mir, was ich da sah.

Im hinteren Bereich des Hauses, also, im Backstagebereich, kamen uns sämtliche Leute entgegen. Tontechniker mit Kabeln und Geräten schoben sich an Jon und mir vorbei.

Dann gelangten wir in einen großen Raum mit einem gemütlichen Sofa.

„Setzen Sie sich“, bat er mich.

Doch ehe ich dazu kam, öffnete sich die Tür, durch die wir gekommen waren, und David, Tico und Richie traten ein.

„Hi!“, tönte es aus drei Mündern gleichzeitig.

„Hi.“, erwiderte ich und gab ihnen die Hand. „Ich bin Natalie, ein großer Fan und die Journalistin, die Ihren Bandkollegen interviewen soll.“, stellte ich mich vor.

„Dann kennen Sie uns sicher alle ganz genau.“, sagte Richie und grinste schelmisch.

In diesem Moment liebte ich diese Jungs noch mehr als zuvor.

„Aber natürlich.“, sagte ich grinsend.

„Nun gut, leider müssen wir noch proben. Diesmal ohne unseren Frontmann.“, stellte Tico fest und gab Jon einen kleinen Klaps auf die Schulter.

„Du packst das schon, Mann. Bei so einer reizenden Frau wird das wohl kein Problem sein.“ David lächelte mich an und ich erwiderte diese Geste.

Die Jungs waren einfach klasse!

Nachdem ich Richie und co. für ein Foto zusammen mit Jon aufgehalten hatte, gingen sie nach draußen und Jon setzte sich direkt neben mich.

„Da wären wir.“, erwähnte Jon und ich zückte mein Diktiergerät.

„Ja, da wären wir.“, wiederholte ich mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Also, wo soll ich anfangen? Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht, was ich Sie fragen könnte und was die Leute dort draußen über Sie wissen möchten und da ich selbst ein großer Fan bin, wäre nichts passender als Fragen, die jeden Fan interessieren würden.“, verkündete ich stolz.

Jon schaute mich erwartungsvoll an. Es fiel mir schwer, im direkt in die Augen zu blicken, aber ich sah, dass ich ihm gefiel und das machte mit Mut.

„Gut, Jon – ich darf Sie doch Jon nennen?“, begann ich.

„Aber natürlich dürfen Sie das, Natalie.“, antwortete er und ich konnte mir ein kleines Lächeln wieder nicht verkneifen.

„Okay, Jon, wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass Sie Rockstar werden wollen?“

Er blickte kurz weg, dann sah er mich wieder an.

„Schon immer eigentlich. Musik ist mein Leben, schon seit meiner Kindheit und mich hat der Traum vom Rockstar einfach fasziniert.“

„Das klingt ja fast so, als würden Sie alle Klischees erfüllen wollen.“, stellte ich mit einem forschen Unterton fest.

Jon lachte auf.

„Natalie, wissen Sie, wenn man Rockstar ist, bleibt einem nichts anderes übrig. Die Öffentlichkeit möchte doch sehen, wie man sich klischeemäßig verhält.“, antwortete er und sah mich herausfordernd an.

Ich nickte kurz.

„Aber Sie sind verheiratet und Ihre wilden Jahre sind längst vorüber.“, sagte ich und rückte meine Bluse zurecht.

„Ja das bin ich…aber trotzdem bin ich froh, das zu sein, was ich jetzt bin.“

Ich legte den Kopf schief.

„Das können Sie auch sein, Jon. Ist dies Ihr letztes Konzert in Deutschland oder folgen noch weitere?“

Jon schien für einen Moment zu überlegen, dann sagte er: „Nein, dies ist der letzte Gig unserer Deutschland – Tour, aber wir bleiben noch ein paar Tage hier. Zum Abschalten sozusagen.“

Er lehnte sich lässig zurück und spielte mit dem Reißverschluss seiner Jacke, die er über einem eng anliegenden T-Shirt trug. Er sah verdammt attraktiv aus und dann schaute er mir ganz tief in die Augen. Es kribbelte überall in meinem Körper, wie ein elektrisierender Pulsschlag. Und das hieß ganz und gar nichts Gutes. Denn Sekunde für Sekunde verlor ich meine Konzentration. Dieser Mann machte mich verrückt und ich wirkte nicht mehr so professionell wie am Anfang (jedenfalls dachte ich das).

„Ämm und…wann…kommen Sie nächstes Jahr wieder auf Tour?“, fragte ich. Allerdings passte stottern schon viel besser.

Jon lächelte mich an. Ich hatte das Gefühl, als würde er das absichtlich machen. Als würde er mich absichtlich anflirten wollen. Ja, er, ein Promi, flirtete mich an.

„Wenn ich nächstes Jahr auch wieder von so einer charmanten Lady wie Ihnen interviewt werde, dann komme ich gerne wieder.“, bemerkte er und zwinkerte mir leicht zu.

Mir war heiß…mir war sehr heiß und ich konnte nicht fassen, was er da gerade mit mir machte. Er schaute mich auf eine verruchte Art und Weise an, aber wirkte dabei doch professionell. Wie machte er das nur?

„Oh, ich glaube, das war das beste Kompliment, das ich je von einem Mann bekommen habe. Wie gehen Sie damit um, dass so viele Frauen und Mädels auf Sie stehen?“

Aus einem unerfindlichen Grund konnte ich mich überwinden.

„Sie stellen mir ja Fragen. Nun ja, ich genieße es um ehrlich zu sein. Das würde ich eigentlich nicht in einem Interview erwähnen, aber bei Ihnen mache ich eine Ausnahme. Wer wird schon nicht gerne begehrt?“, antwortete er und lächelte mir wieder zu.

Ich erwiderte es leicht und strich mir eine Haarsträhne zurück.

Mich überkam ein Gefühl der Lust, aber ich konnte Jon schlecht zu mir heranziehen und ihn küssen. Das konnte ich einfach nicht, aber ich wollte es so sehr, dass ich unbeabsichtigt seine Hand leicht streifte.

Er blickte mich wieder an. Nur diesmal war sein Blick tiefer und vertrauter als zuvor.

Ein paar Sekunden lang versank ich darin, doch dann wendete ich mich ab.

Als ich wieder hin sah, lächelte er mich wieder einmal an.

„Das klingt jetzt vielleicht ein wenig…komisch, aber…flirten Sie gerade mit mir?“, fragte ich vorsichtig.

Er schaute kurz zu Boden, dann streifte sein Blick meine Augen.

„Wäre das schlimm?“, bekam ich als Antwort.

Ich musste anfangen zu lachen. Das war einfach zu absurd.

„Machen Sie Witze? Welche Frau hätte denn bitte etwas dagegen?“, sagte ich. Dann biss ich mir auf die Zunge. Diese Antwort war doch ein wenig zu forsch.

Doch Jon hatte wohl kein Problem mit meiner Aussage. Er schien es zu genießen.

„Und ich muss sagen, Sie sind eine außergewöhnliche Frau. Sie sehen nicht nur gut aus, sondern haben auch Charme und eine faszinierende Ausstrahlung.“, sagte er mit einem weiteren Zwinkern.

Ich fühlte mich einerseits einfach nur toll, weil Jon Bon Jovi mich toll fand, aber andererseits hatte ich auch ein schlechtes Gefühl, schließlich hatte er eine Familie und ich war mir nicht sicher, ob ich diesen Flirt fortsetzen sollte. Okay, es war nur ein harmloser Flirt, aber ich hatte einfach ein ungutes Gefühl. Ach, was soll’s. Er war einfach klasse und ich wäre dumm, wenn ich jetzt einfach aufhören würde.

„Jon, Sie sind auch sehr außergewöhnlich. Sie sind verdammt heißt und ihr Blick raubt mir meine letzten Nerven.“, sagte ich. Auch wenn das ziemlich frech war, es war mir egal. Warum sollte ich es nicht riskieren? Außer einem versauten Interview konnte nicht viel passieren. Und wie ich mich kannte, würde ich das auch gebacken kriegen.

„Ich muss schon sagen, Klasse haben Sie. Und Sie können gut kontern.“, kommentierte er und nährte sich mir ganz nah. Er berührte leicht meinen Arm und hauchte mir einen sanften Kuss ans Ohr. Es war ein unglaublich schönes Gefühl, auch wenn es kein richtiger Kuss war.

Dann setzte er sich wieder in seine vorherige Position und ließ mich mit meiner Unsicherheit alleine. Einen Moment lang saß ich mir leicht geöffneten Mund einfach nur so da und starrte Jon an, dann ergriff ich die Initiative, beugte mich schnell nach vorn und küsste ihn.

Ich wusste nicht, was ich gerade machte, es war einfach eine magische Situation, die die Funken nur so sprühen ließ.

Zu meiner Überraschung erwiderte er den Kuss mit einer solchen Zärtlichkeit, wie ich sie vorher noch nie erlebt hatte.

Dann lösten wir uns wieder voneinander. Er sah mich – wie immer – lächelnd an.

„Okay, ich glaube, wir sollten mit dem Interview fortfahren.“ Ich versuchte die Unterhaltung wieder zum eigentlichen Thema hinzuführen.

Ich konnte es einfach nicht glauben. Ich hatte Jon Bon Jovi geküsst. Und zwar richtig geküsst.

„Mir gefällt das momentane Thema aber auch gut.“, sagte er, als hätte er meine Gedanken gelesen.

„Wir sollten uns duzen.“, fuhr er fort.

Ich war unsicher, sehr unsicher, aber ich dachte, es würde schon alles gut gehen.

„Gut, duzen wir uns. Was gefällt dir an Deutschland am besten?“ Diese Frage war zwar völlig außerhalb meines eigentlichen Planes, aber mir fiel einfach keine bessere ein. Ich war zu verwirrt.

„An Deutschland? Ja, da wäre die Kultur. Und die Architektur, vor allem von Berlin. Und natürlich die Fans.“

Ich blickte zu Boden. Die Fans, ja, das war wieder so ein versteckter Wink mit dem Zaunfahl. Fans, wie ich.

„Und wirst du auch außerhalb der Tournee Deutschland einen Besuch abstatten?“ Noch so eine undefinierte Frage.

„Wenn du mir den Tag versüßt, dann ja.“, antwortete er und ich musste zugeben, dass ich diese Antwort schon fast vorausgesehen hatte. Es konnte gut sein, dass ich die Unterhaltung absichtlich auf dieses Thema lenkte, aber ich hatte in seiner Anwesenheit einfach keine Kontrolle über das, was ich eigentlich sagen wollte.

 

***

 

Eine weitere Stunde redeten wir über Gott und die Welt. Ich schaffte es, doch noch so standhaft wie möglich zu bleiben und meine geplanten Fragen zu stellen. Es war schwierig, aber nicht unmöglich. Ich lernte wirklich fürs Leben, auch wenn sich das sehr verpeilt anhörte. Ein Wunder, dass ich ihn nicht vor Ort vernascht hatte, denn ich spürte ganz deutlich, dass Jon etwas von mir wollte. Vielleicht bildete ich mir das einfach alles nur ein und der Kuss und das ganze Geflirte war nur ein Gag, aber ich dachte, dass ich eine gute Menschenkenntnis hatte. Und bis jetzt hatte mich diese Menschenkenntnis noch nie enttäuscht. Ein stinknormales Interview wurde zu der Situation, in der ich nun steckte.

„Könnten wir noch ein paar Fotos machen?“, fiel es mir zum Schluss ein. Ich schaltete das Diktiergerät ab und holte die Kamera aus meiner Tasche.

Jon setzte sich kerzengerade hin, während ich das Gerät einschaltete und für ein Foto bereit machte. Ich hielt die Kamera vor uns und platzierte mich genau neben ihm. Er legte den Arm um mich, zog mich an sich heran, sodass ich große Mühe hatte, ein lockeres Lächeln von mir zu geben. Dann drückte ich ab, um mich so schnell wie möglich aus dieser unangenehmen Lage zu befreien. Nicht, dass ich ihn abstoßend fand, um Himmels Willen, er hatte eine sehr angenehme Körperwärme und seine Arme waren stark und abgöttisch, aber ich fühlte mich einfach nicht sehr wohl.

Ich schaute mir das Foto kurz an und musste sagen, dass es sehr gut geworden war.

Ich packte meine Sachen zusammen. Währenddessen schrieb John irgendetwas auf einen Zettel, aber ich kümmerte mich nicht weiter darum.

„Natalie, die Zeit mit dir war wirklich schön und ich bin mir sicher, dass das Interview für dich gut gelaufen ist und du eine schöne Story daraus machen kannst.“, sagte Jon beim Abschied.

„Danke. Die Zeit mit dir war auch wunderbar. Ich schaue mir nachher ja noch euer Konzert an. Ihr werdet das wie immer packen.“, erwiderte ich.

Jon nickte und lächelte wieder. Dann umarmte er mich herzlich und gab mir einen leichten Kuss auf die Wange. Er nahm meine Hand und drückte sie fest.

„Bis bald mal, Natalie.“ Das waren seine letzten Worte. Damit verließ er den Raum und ich blieb zurück. Verwundert, aber oberglücklich.

Ich fuhr mir mit meiner Hand durch die Haare und erst jetzt bemerkte ich den kleinen Zettel.

Jon hatte ihn mir wohl beim Abschied in die Hand ‚gelegt’ und ich hatte es noch nicht einmal bemerkt.

Vorsichtig faltete ich ihn auseinander und lass.

„Natalie, du hast mich sehr fasziniert und ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen könnten. Ich habe ein Zimmer im Hyde und werde morgen früh dort Frühstück essen. Vielleicht möchtest du mir ja Gesellschaft leisten.

Jon

PS: Der Kuss war einfach der Wahnsinn.“

Ich musste mich erst einmal setzten. Meinte er das ernst? Das konnte doch einfach nicht wahr sein. Wie sehr hatte ich mir so etwas gewünscht, aber nun kam ich mir schäbig vor. Wie ein Groupie…wie ein Flittchen, dass sich an einen Rockstar ranmachte.

Ich hatte meine Story, nur fragte ich mich gerade, ob das Interview der eigentliche Höhepunkt bei dem Treffen mit Jon Bon Jovi war, ob das Konzert die Hauptrolle spielte, oder ob es doch dieser unwiderstehliche Flirt mit Folgen war.

Kurze Zeit später begann das Konzert und ich genoss es in vollen Zügen.

Dank meines Backstagepasses durfte ich in die erste Reihe. Es war wie immer einfach nur der Hammer, Jon und die Jungs auf der Bühne zu sehen. Und ich hatte mehrmals den Eindruck, dass Jon mich anschaute. Nicht nur einen Augenblick, sondern eine ganze Weile.

Es fühlte sich schon schön an, war aber auch ein wenig unangenehm, schließlich standen so viele Fans um mich herum. Wären diese nicht ganz blöd, hätten sie gewusst, was da vor sich ging. Diesen Eindruck hatte jedenfalls ich. Aber alle schienen zu sehr mit der Musik beschäftigt zu sein. Zu meinem Glück.

 

***

 

Zuerst konnte ich die Schlüssel zu meiner Wohnung nicht finden, dann fielen sie mir aus den Händen. Typisch! Das passierte mir immer, wenn ich nervös war und das kam nicht gerade selten vor.

Das einzigste, was mich in diesem Moment beruhigen konnte, war Susi und ein schönes warmes Bad.

Ich stellte meine Tasche ab, die leider – eigentlich wie erwartet, weil alles schief lief – umkippte und die Kamera rollte genau vor meine Füße. Ich hob sie auf, stellte sie an und sah mir die Fotos an. Ganz besonders aber das von mir und Jon. Perfekt, dachte ich. Wenn man nicht wüsste, dass dies ein Interview war, könnte man uns glatt für ein Liebespaar halten. Halt. Ein Liebespaar? Hieß das wirklich, dass Jon…? Ich wollte nicht wirklich darüber nachdenken, weil ich mir einfach nur den Kopf zerbrach.

Ich legte den Fotoapparat weg, nahm dafür das Telefon und wählte Susis Nummer.

„Hey Natalie, wie war’s?“, tönte es von der anderen Seite der Leitung.

„Oh Susi, du glaubst nicht, was passiert ist. Erst einmal steckte ich mit meinen Schuh im Gullydeckel fest und Jon hat mir geholfen…in diesem peinlichen Moment! Dann habe ich die Jungs kurz kennengelernt und Fotos gemacht. Und dann begann die Katastrophe. Zuerst lief alles wie am Schnürchen, doch danach…wir haben geflirtet, Susi, geflirtet und wir haben und geküsst…und er hat mir eine Nachricht hinterlassen, dass er mich wiedersehen will!“, berichtete ich aufgedreht.

„Warte, warte, nicht so schnell…ihr habt euch geküsst? Du hast DEN Jon Bon Jovi geküsst und er will dich wiedersehen? Verdammt, Natalie, das nenn ich mal einen Fang!“, hörte ich Susi sagen und ließ Badewasser ein.

„Das ist aber alles nicht so leicht. Er hat eine Familie, verdammt! Ich kann nicht einfach so mit ihm ausgehen oder wer weiß was machen.“, widersprach ich.

„Wie jetzt? Du willst mit ihm schlafen?“, fragte Susi verwirrt.

Ich hielt mir die Stirn. Wie kam ich denn aus dieser verzwickten Lage wieder heraus?

„Nun ja, wenn es sich ergeben sollte…ach man, das geht doch alles nicht. Ich fühle mich wie eine Ehebrecherin. Und ich habe Angst, dass ich nur benutzt werde.“

Susi verstand, was ich meinte.

„Ja, aber wer hat denn gesagt, dass er dich nur benutzt? Du selbst hast gesagt, dass Jon der Mann für dich ist bzw. dass er niemals eine Frau verletzten würde. Okay, er würde theoretisch seine Frau betrügen, aber…wer weiß, vielleicht läuft es zwischen den beiden auch nicht mehr so gut, wie damals. Warum machst du dir eigentlich solche Sorgen? Genieß es doch einfach!“

Ich überlegte kurz. Susi hatte ja Recht. Möglicherweise würde sich alles anders entwickeln, als ich es mir jetzt ausmalte. Wer wusste das schon?

Inzwischen lag ich schon in der Badewanne und genoss das warme Wasser, dass meinen Körper umspielte. Susi sprach mir Mut zu und ich fühlte mich schon viel besser. Ich sollte es einfach versuchen. Was konnte ich denn verlieren? Ich konnte nur gewinnen.

Die Nacht über schlief ich nicht sehr gut. Ich war andauernd wach und wenn ich dann eingeschlafen war, weckten mich die Erinnerungen an den gestrigen Tag und an alles, was noch kommen würde.

Es war zum Verzweifeln. Ich setzte mich auf und trank einen Schluck Wasser. Eine Angewohnheit, die ich nicht lassen konnte.

Ich würde vor dem Treffen mit Jon noch einmal in die Redaktion müssen. Bescheid sagen, dass alles geklappt hatte und ich den Artikel in den nächsten Tagen abgeben würde.

Und ich musste das Foto auf den Hauptrechner schieben. Ich war so gespannt, was Alex dazu sagen würde, schließlich kannte er mich besser als alle anderen meiner Kollegen.

Gestern hatte ich das Foto schon auf meinem Laptop gespeichert, damit ich es immer bei mir hatte. Zum Glück, denn es war wirklich einzigartig und schön.

 

***

 

Mein Wecker klingelte wieder einmal und ich sprang förmlich aus dem Bett. Ich war alles andere als ausgeschlafen, aber eine kalte Dusche würde mich schon wach machen, dachte ich.

Mit meinen Hausschuhen schlurfte ich ins Bad und stellte mich vor dem Spiegel.

Ich sah so attraktiv aus wie ein Besen nach der Arbeit. Meine Haare brauchten dringend Wasser und meine Haut sah unschön aus. Ich hasste es, früh aufzustehen und dann auch noch unausgeschlafen zu sein. Ich schlüpfte aus meinem Pyjama und stellte mich unter das kalte Wasser. Verdammt, war das kalt! Aber ich musste mich irgendwie wach kriegen. Doch länger als eine Minute hielt ich es nicht aus, stellte das Wasser ab und wickelte mich in ein flauschiges Handtuch.

Ich aß absichtlich kein Frühstück, sondern trank nur einen Tee, denn ich wollte Jons Einladung auf jeden Fall annehmen und dort in Ruhe und gemütlich frühstücken.

Eine Stunde später saß ich wieder in meinem Auto und fuhr zur Redaktion.

Ungewohnt angespannt öffnete ich die Tür zum Büro. Alex kam mir – wie immer – entgegengestürmt und nahm mir meine Tasche ab. Ein Gentleman durch und durch!

„Und wie war es?“, fragte er ungeduldig, als ich mich an meinen Schreibtisch setzte.

„Der absolute Hammer, Alex, der absolute Hammer!“, antwortete ich schnell, holte die Kamera aus meiner Tasche und schloss sie an meinen Rechner an.

Dann zeigte ich ihm das Foto und er machte große Augen.

„Wow…das sieht ja so aus, als…als hättet ihr richtig viel Spaß gehabt.“

Ich grinste Alex and und versuchte so ruhig wie möglich zu bleiben.

„Was ist sonst noch passiert?“ Alex stellte sich direkt vor mir.

„Nun ja…“ Ich ging ganz nah an ihn heran, um ihm mein kleines Geheimnis ins Ohr zu flüstern. Vielleicht hätte ich es nicht erzählen sollen, aber Alex konnte ich vertrauen.

Er sah mich mit offenem Mund an und seine Augen wurden noch größer.

„Du hast ihn wirklich…? Oh mein Gott Natalie, wie hast du das denn hinbekommen?“

„Psst, nicht so laut! Es hat sich einfach so ergeben. Er hat die ganze Zeit mit mir geflirtet. Und dann ist das eben passiert. Ich habe nachher noch eine Verabredung mit ihm.“, gestand ich und grinste dabei bis über beide Ohren.

Alex wusste nicht so richtig, was er dazu sagen sollte. Zu Recht, musste ich gestehen.

Es war ja auch eine besondere Situation und ich hätte nie gedacht, dass mir so etwas einmal passieren könnte.

„Kannst du für mich das Bild zum Hauptrechner senden und Hubert sagen, dass er den Artikel in den nächsten Tagen bekommt? Ich muss los.“, sagte ich und legte meine Hand auf seine Schulter.

„Natürlich mache ich das. Dein ‚Treffen’ ist schließlich wichtiger.“, erwiderte er grinsend.

Ich schnappte mir meine Tasche, drückte Alex einen kurzen Schmatzer auf die Wange und ging weg.

Ich wusste nicht, ob ich aufgeregt sein sollte oder nicht. Jedenfalls zitterten meine Hände auf der Autofahrt. Konnte ich wirklich einfach so ins Hotel reinspazieren und nach Jon Bon Jovi fragen? Oder würde er schon auf mich warten? Ich hatte keine Ahnung, was ich erwarten sollte und was nicht, aber bei einem war ich mir sicher: Jon war einfach fantastisch!

Ich hatte eher selten die Gelegenheit, in einem noblen Hotel abzusteigen. Schließlich hatte ich meine eigene Wohnung und verdiente gewiss nicht so viel, dass ich mir einen ‚Kurzurlaub’ dafür leisten konnte. Außerdem wohnte ich nicht weit weg von hier und da wäre dies ein wenig dumm.

Die Parkplatzsuche erschwerte mir mal wieder den Tag. Ich überlegte, ob ich nicht doch öfters die U- bzw. S-Bahn benutzen sollte.

Ich stellte meinen Wagen ab und schlenderte gemütlich und doch hippelig zum Eingang des Hotels.

Der Page davor schaute mich ein wenig komisch an, aber er ließ mich ohne irgendwelche Einwände in das große Gebäude.

Die Eingangshalle war modern und einladend. Ich schaute mich um, lange, ausgiebig und entdeckte eine weitere Halle, in die ich nun ging. Ich wusste nicht, warum ich dies machte, aber ich hatte genau die richtige Entscheidung getroffen, denn dort stand er, Jon. Er sah einfach nur zum Anbeißen aus. Seine enge Jeans und dieses lässige T-Shirt sahen unheimlich gut an ihm aus und als er mich sah, ging er auf mich zu.

Ich lächelte leicht, schaute zu Boden, fuhr mir durch die Haare und sah ihn wieder an.

Er stellte sich ganz nah vor mir.

„Hallo Natalie.“, sagte er kurz und berührte wieder meinen Arm.

„Hi Jon.“, sagte ich und lächelte wieder.

„Komm mit, wir gehen auf mein Zimmer.“ Er nahm meine Hand und wir gingen gemeinsam zu den Aufzügen.

Ich musste einfach nur komplett durchgeknallt sein. Wenn uns jemand sehen sollte, dann wären wir aufgeschmissen. Noch mehr Sorgen machte mir allerdings um meine momentane Lage.

Als der Fahrstuhl da war, stiegen wir ein und die Türen schlossen sich wieder. Ich dachte, Jon würde genau hinter mir stehen, doch um es zu überprüfen, war ich viel zu feige.

Die Türen öffneten sich wieder, ich stieg aus und ließ Jon an mir vorbeilaufen. Ich hatte die Orientierung komplett verloren, wusste weder, wo wir waren, noch wo wir hingehen wollten.

Ich folgte ihm zu einer großen Tür, die er mit Hilfe einer Karte aufmachte und mich durch ließ.

Vor mir erstreckte sich ein langer Flur, hinter dem man an Zimmer sehen konnte, indem ein langer Tisch stand.

„Komm mit, ich habe uns etwas vorbereiten lassen.“, sagte er auf einmal und nahm wieder meine Hand, um mich regelrecht hinter sich herzuziehen. Dabei war er aber so sanft, dass ich mich ohne Widerwillen führen ließ.

Dann sah ich, dass Jon sich allerlei Lebensmittel hatte bringen lassen. Darunter süße und herzhafte Dinge, die ich gerne aß.

„Wow. Da hat es sich ja gelohnt, heute Morgen nicht zu Frühstücken.“, bemerkte ich und setzte mich auf einen Stuhl, der nahe bei mir stand.

„Du hast extra für mich auf dein Frühstück verzichtet? Ich muss schon sagen, dass ist wirklich süß von dir.“, sagte er und setzte sich ebenfalls.

„Aber das ist noch lange nichts gegen dieses Angebot auf dem Tisch. Wie lange hast du eigentlich schon da unten auf mich gewartet?“, fragte ich neugierig und legte mir ein Brötchen auf den Teller, dass noch leicht warm war.

„Ach, noch gar nicht so lange. Jedenfalls nicht so lange, dass sich dieser Anblick jetzt nicht lohnen würde.“

Ich fühlte mich geschmeichelt. Er war aber auch verdammt süß! Ich lächelte. Etwas anderen konnte ich im Moment auch nicht machen.

„Möchtest du Kaffee oder lieber Tee?“, fragte er mit einer fröhlichen Stimme und grinste mich an.

„Kaffee bitte. Ich habe schon Tee getrunken und brauche jetzt erstmal was Richtiges.“, antwortete ich und ließ mir die Kaffeekanne geben.

„Du hast ein süßes Lächeln.“, haute er raus und ich verschluckte mich fast am Kaffee.

Es kam einfach so unerwartet und überraschend, dass ich nicht wusste, was ich sagen sollte.

„Ämm…ja, danke.“, stotterte ich und blickte etwas beschämt auf meinen Teller.

„Es ist recht komisch so ein schönes Kompliment von einem Promi wie dir zu bekommen, der obendrein auch noch international bekannt ist.“, entschuldigte ich mich.

„Kein Grund zur Sorge, ich verstehe das. Für mich ist das auch eine besondere Situation.“, entgegnete er und ich schaute ihn an.

„Ja? Wieso denn?“ Nun wurde ich neugierig.

„Nun ja, ich hätte niemals gedacht, dass ich so fasziniert von dir sein würde. Journalisten sind meist zwar nett, aber noch lange nicht so anziehend wie du es bist, Natalie.“, gestand er.

Ich biss in mein Brötchen, um mich von dieser Tatsache abzulenken. So musste ich ihm nicht gleich antwortet, denn ich konnte schlecht mit offenem Mund sprechen.

Ich schluckte den letzten Bissen hinunter und beugte mich leicht nach vorne.

„So etwas hätte ich aus deinem Mund nie erwartet.“, sagte ich. Warum ich es tat, wusste ich nicht.

„Aha und woher nimmst du diese Annahme?“, konterte er mit einem Lächeln auf den Lippen.

„Na ja, ich weiß auch nicht, aber es gibt da draußen so viele, die so ähnlich sind, wie ich und gerade an mir findest du etwas Besonderes. Außerdem laufen dir viele Menschen über den Weg.“, behauptete ich.

Jon fing an zu lachen.

„Jetzt sag mir nicht, dass du nichts Besonderes bist! Das stimmt nicht.“, sagte er und mir fehlten schon wieder die Worte.

„Jon, du bist verheiratet, ich fühle mich bei dem Gedanken einfach nicht wohl und…“, ich konnte meinen Satz nicht zu Ende sprechen, denn Jon hatte sich von seinem Stuhl erhoben und verschloss mir mit einem Kuss den Mund.

Ich war überrumpelt, aber doch gab ich mich dieser Leidenschaft und Ausdrucksstärke einfach hin. Er küsste so schön und wusste, was einfühlsam bedeutete.

Dann ließ er von mir ab. Ich starrte ihn an, fasziniert und noch immer leicht geschockt.

„Vielleicht scheint es so, als wäre ich nicht gerade der beste Ehemann der Welt, aber das ist eine andere Sache. Für mich zählt nur das hier und jetzt.“, sagte er, als er mein Zögern bemerkte.

Er wollte mich wieder küssen, aber ich drehte meinen Kopf weg.

Seine Hand wanderte langsam unter mein Kinn und dann schob er meinen Kopf sanft in seine Richtung, so dass ich ihn wohl oder übel anschauen musste.

Für ein paar Sekunden blickte er mich einfach nur an.

„Du hast Angst.“, sagte er dann. „Angst, ich würde deine Gefühle verletzten, dich verletzten und Angst, dass du dich wieder einmal täuschen könntest.“

Ich schaute Jon verwirrt an.

„Woher weißt du das?“, fragte ich und meine Lippen waren dabei ganz trocken.

„Ich sehe es in deinen Augen. Genauso wie ich sehe, dass ich dir nicht egal bin. Natalie, ich werde dich nie verletzten, hörst du? Wie könnte ich eine so tolle Frau wie dir wehtun?“, erwiderte er und streichelte meine Wange.

„Aber deine Frau…“, warf ich ein und er legte mir seinen Finger auf die Lippen.

Uns umgab eine magische Spannung. Ich konnte seine Bewegungen spüren, als wären es meine und sein Atem war weich und berührte sanft meine Haut.

Bedacht, mir nicht wehzutun, zog er mich vom Stuhl und ganz nah an sich heran. Ich legte meine Hand auf seiner starken Brust ab, meine andere legte ich um seinen Hals.

„Du bist für mich nicht eine von denen, die nur auf eine Nacht mit mir aus sind. Deine Augen schauen mich ehrlich und leidenschaftlich an. Du kannst einfach nicht eine von denen sein.“, sagte er und küsste mich.

Seine Worte berührten mich in einer Art und Weise, die ich nicht nachvollziehen konnte, aber er wusste anscheinend, wie es in mir aus sah und dass ich ihn begehrte. Und er wusste auch, dass ich nicht einen von denen war. Dieser Mann überraschte mich immer wieder.

Seine Lippen umschlossen leicht meinen Mund. Er wusste, wie man küssen musste, um einer Frau den Atem zu rauben.

Unsere Lippen lösten sich wieder voneinander.

„Ich habe einfach ein schlechtes Gewissen.“, sagte ich, während er mir behutsam eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich.

„Ich kann dich verstehen und glaube mir, ich halte es eigentlich auch für falsch, aber ich kann nicht anders. Ich kann dich einfach nicht so gehen lassen.“, erwiderte er und küsste mich leicht auf die Stirn.

„Aber was, wenn alles rauskommen sollte?“, fragte ich nervös und klammerte mich an ihn.

„Wir werden aufpassen müssen, aber dieses Risiko gehe ich gerne ein. Wer nichts riskiert, der kann auch nichts gewinnen.“

Wahre Worte. Sehr wahre Worte und es zeigte mir, dass er auch etwas für mich empfand.

Ich stand da, lehnte mich an ihn, umarmte ihn und dachte, dass dies alles wirklich nur ein Traum sein könnte. Es fehlten nur noch die rosa Schafe und kleine flauschige Wolken. Ich hatte schon immer etwas für Kitsch übrig gehabt, aber dass ich mal in so einer Lage stecken könnte, hätte ich beim besten Willen nicht gedacht.

„Hast du noch Hunger?“ Er löste sich ein wenig von mir und blickte mich mit freundlichen Augen an.

„Ja und wie.“, antwortete ich lächelnd.

„Wollen wir das Frühstück ins Bett verlegen?“

Ich schaute ihn fragend an. Meinte er das ernst?

„Du brauchst keine Angst haben. Es geschieht nichts, das du nicht möchtest.“, versicherte er mir.

„Wenn das so ist, dann bin ich dabei.“, sagte ich lachend, ging zum Tisch und nahm einige Speisen. Er tat dasselbe und ich folgte ihm in ein nahegelegenes Zimmer gleich um die Ecke. Das Bett war riesig. Und es sah flauschig aus.

Wir stellten das Essen auf einen Tisch neben dem Bett ab, ich zog meine Schuhe aus und ließ mich aufs Bett fallen.

„Schön hast du es hier.“, stellte ich fest und schaute mich kurz um.

„Ja, aber meinem Zimmer hat noch das gewisse Etwas gefehlt.“ Jon legte sich neben mich, stütze seinen Kopf mit einer Hand ab und sah mich an.

Da lagen wir…nebeneinander und schauten uns gegenseitig an. Ich und Jon in einem Bett? Bis vor kurzem noch undenkbar, doch nun war es Wirklichkeit.

„Was ist?“, fragte ich ihn, als er mich nach einer Weile immer noch ansah.

„Nichts. Ich schaue dich nun mal gerne an.“, antwortete er und rückte ganz dicht an mich heran.

Sein Blick war einfach zum Dahinschmelzen und ich konnte nicht anders, als ihn leicht auf den Rücken zu schubsen und ihn nochmals zu küssen. Er war einfach unwiderstehlich!

Er legte seine Hände um meine Hüfte und zog mich noch näher an sich heran.

Es fühle sich gut an. Verdammt gut. Verboten gut und ich hatte das Gefühl, als würde ich gegen ein ungeschriebenes Gesetz verstoßen.

Jon ließ von mir ab, drehte sich unter mir weg und schnappte sich eine Weintraube vom Teller neben ihm.

„Magst du Weintrauben?“, fragte er höflich und spielte damit vor meiner Nase umher.

„Nun gib sie mir schon.“, sagte ich lachend und er stupste damit leicht gegen meine Lippen, bevor er sie mir überließ und ich sie genüsslich verspeiste.

„Hm…lecker. Fast so süß wie deine Küsse.“, sagte ich grinsend. „Du übertriffst alles.“

Er lachte herzhaft und küsste meine Stirn.

„Du weißt, dass ich gefährlich bin, oder?“, fragte ich neckisch und er schaute mich mit großen Augen an.

„So? Weiß ich das?“

„Ja, du solltest es wissen. Schließlich arbeite ich für eine Boulevard Zeitung und ich kann alles über dich schreiben, was ich will.“, erklärte ich ihm und verkniff mir dabei mein lautes Gelächter.

Jon legte sich neben mich und streichelte mit einer Hand meinen Arm.

„Das würdest du nicht machen. Ich weiß es.“, sagte er und blickte mir tief in die Augen.

Es kribbelte überall und ich fühlte mich, als würde ich schweben…auf Wolke sieben.

 

***

 

Wir verbrachten einen schönen Vormittag miteinander und ich vergaß immer mehr und mehr, wer er eigentlich war. Ich fragte mich zwar die ganze Zeit, wo die anderen Jungs waren, aber es schien so, als hätte sich Jon extra Zeit für mich genommen und genoss diesen Sonderstatus. Obwohl, hätte ich jemanden davon erzählen müssen, ich hätte mich nicht so wohl gefühlt. In mir wütete ein Konflikt. Ich stand…mir gegenüber.

Ich merkte, wie ich mich langsam aber sicher in Jon verliebte, doch ich wusste, dass es einen Haken gab, den man nicht umgehen konnte. Früher oder später würden wir damit konfrontiert werden, dass es nicht von Dauer war und diese Vorstellung machte mir Angst.

Ich war von Jon so fasziniert. Wie er mich anschaute, wie er mich küsste, mich berührte…so viel Gefühl hätte ich von einem Mann nicht erwartet. Er war eben ein ganz besonderer Mensch und das erschwerte die Situation sichtlich.

Ich genoss jede Minute, jede Sekunde mit ihm, denn irgendwann würde uns die Realität einholen…irgendwann, irgendwo.

 

***

 

Es war ein warmer Tag, wie die Tage zuvor. Ich hatte mich mit Jon nochmals verabredet. Nachdem der gestrige Tag mit einem Abendessen und einer schönen Nacht ausgeklungen war und ich mich heute Morgen mit einem innigen Kuss von ihm verabschiedet hatte, vermisste ich unsere gemeinsamen Stunden umso mehr.

Ich hatte mir freigenommen und wollte mit ihm in mein Lieblingscafé gehen, aber ich hatte Angst, dass uns jemand erkennen könnte.

Jon hatte mir Mut zugesprochen. Wir könnten uns nicht die ganze Zeit im Hotel verkriechen, hatte er gesagt und er wolle ein wenig von ‚meinem’ Berlin sehen.

Ich wollte ihn abholen und in meine kleine Welt entführen. Inklusive einem Besuch in meiner Wohnung.

Nach einem kleinen Mittagessen zu Hause, ging ich wieder in die Eingangshalle des Hotels und wartete auf mein ‚Date’.

Jon war wenige Minuten später bei mir und wir begrüßten und diesmal nur mit einem leichten Händeschütteln, doch hätte uns jemand beobachtet, unsere Blicke hätten alles gesagt.

Um nicht allzu sehr aufzufallen, nahmen wir mein Auto.

Er hielt mir die Autotür auf, bevor er sich auf den Beifahrersitz setzte.

Als die Türen zu waren, sagte er: „Ich habe dich sehr vermisst.“, und gab mir einen dieser Küsse, die ich nicht zuordnen konnte.

Zum Glück waren meine Scheiben verdunkelt, so dass uns niemand zuschauen konnte.

„Du weißt schon, dass unser kleiner Ausflug nicht gut enden könnte? Uns könnte praktisch jeder in dem Café erkennen.“

Er lächelte mich fröhlich an.

„Ich weiß es, aber ich glaube es erst, wenn es passiert ist. Im Showbiz muss man so viele Niederlagen ertragen, dass man nach all diesen Jahren nur noch positiv denken an.“, sagte er.

Es ermunterte mich auf eine schöne Art und Weise und ich schmiss den Motor an.

Wir mussten durch ganz Berlin kurven, auch wenn es eine schöne Fahrt war. Ich erzählte Jon ein wenig über mein Leben, über Berlin und über alles, was ihn interessierte. Dann waren wir da.

Ich parkte direkt vor der Tür. Jon sprang aus dem Auto, öffnete meine Tür und danach schloss ich den Wagen ab.

Wir gingen hinein und ich sprach eine ältere Dame an der Theke an.

„Entschuldigen Sie, aber könnten Sie uns einen Gefallen tun?“, fragte ich höflich und sie schaute mich geduldig an.

„Es kommt ganz darauf an, was dies für ein Gefallen sein soll.“, sagte sie und musterte mich und Jon. Sie schien ihn aber nicht erkannt zu haben.

„Könnten wir einen Tisch bekommen, an dem wir ungestört sein können?“, äußerte ich und die Frau nickte mich freundlich an.

Sie wies und einen kleinen Tisch in der hintersten Ecke des Raumes zu und begleitete uns.

Ich – an ihrer Stelle – hätte nach dem Grund für diesen Sonderwunsch gefragt, aber sie tat es nicht und ich war dankbar dafür.

Jon und ich lasen uns kurz durch das Angebot, dann gaben wir unsere Bestellung auf.

Es war ein schöner kleiner Laden, der in der Woche gut besucht war. An den Wochenenden aber herrschte Hochbetrieb und ohne Reservierung standen die Chancen schlecht, einen Platz zu bekommen.

Jon schaute sich kurz um, dann wandte er sich wieder an mich.

„Schön ist es hier.“, bemerkte er kurz und lächelte. Mir kam es so vor, als würde er den ganzen Tag über lächeln und ich tat dasselbe. Zumindest in seiner Anwesenheit.

„Ja, finde ich auch. Ich komme so oft es geht hier her…und manchmal treffe ich mich auch mit meiner besten Freundin Susi hier, aber leider haben wir viel zu wenig Zeit dafür.“, antwortete ich und legte meine Hände leicht auf den Tisch.

Er tat es mir gleich und berührte dabei leicht meine Fingerspitzen.

„Dann nimm dir mehr Zeit, Natalie. Das musste ich auch schon erfahren. Man sollte sich immer viel Zeit für Freunde nehmen.“, erklärte er mir und ich nahm es mir zu Herzen. Er musste es ja wissen, schließlich hatte er den anstregensten Job von uns beiden.

Als unsere Bestellung kam, fuhren wir regelrecht auseinander, denn wir wollten nichts provozieren.

Der Milchkaffee schmeckte zum Niederknien und mein Stück Kuchen, dass ich mir wenigstens einmal im Monat gönnte, war sehr lecker. Auch Jon schien seinen Gefallen an dem Eis gefunden zu haben, dass er probierte.

Es schmeckte vorzüglich und immer wieder trafen sich unsere Blicke. Am liebsten hätte ich ihn geküsst, aber das wäre glatter Selbstmord, denn es hätte sein können, dass ihn doch jemand erkennt.

Nachdem wir fertig waren, bezahlte er – zu meiner Überraschung – und wir gingen wieder zum Auto. Ich fühlte mich erst sicher, als die Türen zu waren.

Es war nicht gerade toll, sich verstecken zu müssen, aber was sollten wir anderes machen?

Wir fuhren die Strecke wieder zurück, bis zu meiner Wohnung.

Ich war aufgeregt…sehr aufgeregt, als wir eintraten und er sich umsah.

Oh Gott, hoffentlich gefällt es ihm, sagten meine Gedanken und ich lächelte zaghaft, als er mich auf den Krims Krams ansprach, der auf allen möglichen Oberflächen stand.

„Nun ja, ich mag Deko und sammle allen möglichen Kitsch.“, gestand ich und er schüttelte fröhlich mit den Kopf.

„Dass ihr Frauen immer überall etwas herumzustehen haben müsst.“, bemerkte er amüsiert und ich hubste ihn leicht.

„Hey, damit sehen die Räume viel wohnlicher aus.“, behauptete ich und klammerte mich um seinen Hals.

Jon hob meine Beine leicht an, sodass ich sie um seine Hüfte schlingen konnte. Er trug mich ins Wohnzimmer, wo wir mit lautem Lachen auf dem Sofa landeten.

Ich hätte schwören können, dass dabei eine Feder im Inneren kaputt gegangen war, aber ich hatte nur Augen für ihn und auch nicht das Bedürfnis, nachzuschauen.

Er kniff mir aus Spaß in den Po und ich jauchzte auf.

„Ey, das war aber nicht abgemacht.“, sagte ich und in diesem Moment klingelte mein Handy.

„Verflucht sei der, der mich jetzt stört.“, sprach ich aus und löste mich von Jon, um in meiner Handtasche, die neben dem Sofa gelandet war, das Handy zu suchen.

„Ja?“, meldete ich mich fragend und ich erkannte die Stimme sofort.

„Komm bitte in die Redaktion, es scheint dringend zu sein.“, sagte Alex am anderen Ende der Leitung und in seiner Stimme hörte ich einen besorgten Unterton.

„Spielst du neuerdings Huberts Handlanger? Was ist los?“, fragte ich ihn und schaute entschuldigend zu Jon, der sich aufsetzte und mir zuzwinkerte.

„Nein, mache ich nicht. Du musst sofort kommen, ja? Es ist wirklich wichtig.“, drängte er und nun machte ich mir ernsthaft Sorgen.

„Gut, ich bin gleich da, ciao!“, sagte ich und legte auf. Ich schmiss mein Handy in die Ecke.

„Sorry Jon, aber ich muss in die Redaktion.“, entschuldigte ich mich bei ihm und er erhob sich.

„Kein Problem, Süße. Ich werde Richie und die anderen anrufen und etwas mit ihnen unternehmen, bis du fertig bist.“, sagte er mir und umarmte mich.

„Wie lange bleibt ihr eigentlich noch?“, fragte ich kurz.

„Übermorgen werden wir wieder abreisen müssen. Deswegen wollte ich so viel Zeit wie möglich mit dir verbringen.“, sagte er und gab mir einen sinnlichen Kuss.

„Ich gebe dir meine Nummer…dann kannst du mich anrufen, wenn du alles erledigt hast.“

Ich stutzte kurz. „Du gibst mir deine Nummer?“

„Natürlich, wieso nicht?“, fragte er, nahm sich einen Zettel von meinen Tisch und schrieb seine Nummer darauf.

„Na ja, du vertraust mir wohl sehr.“, stellte ich fest und lächelte unsicher.

„Ja, das tue ich.“, sagte er knapp und drückte mir den Zettel mit einem Kuss in die Hand.

„Und wie kommst du jetzt wieder ins Hotel?“

„Ich nehme mir ein Taxi. Deine Arbeit geht vor.“, bemerkte er und warf mir einen Luftkuss zu. Dann schloss sich die Tür hinter ihm und ich stand alleine in meiner Wohnung, die nun irgendwie verlassen wirkte. Es roch nach seinem Deo und ich klammerte mich an diesen Geruch, bis auch ich seufzend den Raum verließ.

 

***

 

Als ich in die Redaktion kam, fing mich Hubert gleich an der Tür ab und schob mich in sein Büro, wo er die Tür abschloss.

„Was ist denn los?“, fragte er verwirrt und setzte mich.

„Sie fragen mich, was los ist?“, erwiderte er mit einem boshaften Unterton und musterte mich streng.

 Dann holte er aus einer Schublade einige Fotos und knallte sie auf den Tisch.

„Das ist los.“, kommentierte er.

Ich wagte es nicht, die Bilder anzuschauen, aber er blickte mich so drängend an, dass ich keine andere Wahl hatte.

Was ich sah, versetzte mir einen Schock fürs Leben. Ich nahm zwei der Fotos in die Hand und betrachtete sie genauer.

„Wie kommen Sie auf diese Bilder?“, fragte Hubert. Sein enttäuschter Unterton war kaum zu überhören.

Ich keine ehrlich gesagt keine Ahnung. Das heißt, ich hatte schon Ahnung, aber nicht, was diese Fotos betraf. Aber langsam dämmerte es mir.

„Gegenfrage. Wie kommen diese Bilder in ihren Besitz?“, konterte ich erbost.

Hubert schien einen Moment lang zu überlegen.

„Gute Kontakte. Und seien Sie froh, dass diese Bilder nicht veröffentlicht werden. Was machen Sie da überhaupt?“

Ich biss mir auf die Unterlippe.

„Nun ja, es ist einfach so passiert.“, gestand ich errötet.

Die Fotos zeigten mich und Jon, wie wir uns – verliebt und händchenhaltend – anstarrten.

„Einfach so passiert? Ich habe Ihnen vertraut und Sie schmeißen sich bei der erstbesten Gelegenheit an Jon Bon Jovi ran! Ich kann es nicht fassen! Ich bin mir sicher, dass Ihr Artikel gut ist, aber das hätte ich nie von Ihnen gedacht.“, sagte Hubert und setzte sich ebenfalls.

Nun musste ich ihm Rede und Antwort stehen…meinem Chef!

„Ich kann es mir auch nicht erklären, aber es hat sich einfach so entwickelt.“, sagte ich.

„Außerdem sind die Bilder gerade mal eine Stunde alt. Oder etwas drüber.“

Nun machte ich mir ernsthaft Sorgen. Ich war sauer auf mich und das nicht gerade wenig.

„Sie wollen mir doch nicht wirklich sagen, dass Jon Bon Jovi Sie verführt hat? Sie müssten eigentlich wissen, dass Paparazzi, oder solche, die es sein wollen, überall und immer unterwegs sind. Das war verdammt leichtsinnig!“, antwortete er und ich musste ihm Recht geben.

„In gewissermaßen hat er mich verführt, ja…ach ich habe einen großen Fehler gemacht. Können Sie mir garantieren, dass die Bilder nirgendwo auftauchen?“, fragte ich kleinlaut.

„Ich kann Ihnen nichts versprechen, aber ich denke, dass wir ganz gute Chancen haben, dass nichts an die Öffentlichkeit gelangt. Ich halte sehr viel von Ihnen und Ihrer Arbeit und ich spreche hier mit Ihnen nicht als Vorgesetzter, sondern als Freund. Geben Sie es auf. Das Risiko ist zu groß.“

Ich sah Hubert mit großen Augen an.

„Ich bin sehr enttäuscht von Ihnen und ich bin wütend, aber feuern werde ich Sie nicht.“, fügte er hinzu und ich nickte ihm dankbar zu.

„Was soll ich denn jetzt machen?“, fragte ich – ausgerechnet – meinen Chef. Doch er war der einzigste, mit dem ich hier darüber reden konnte.

Ich sank tief auf meinem Stuhl zusammen und ich fühlte mich hoffnungslos alleine.

„Beenden Sie die ganze Sache, bevor es zu spät ist.“, riet er mir.

„Danke. Für alles.“, flüsterte ich, erhob mich und rannte zur Tür. Die war immer noch abgeschlossen und ich drehte den Schlüssel kurz um, dann machte ich sie auf und stürmte an meinen Kollegen vorbei. Als ich draußen vor dem Gebäude war, ließ ich mich auf einer Bank nieder und fing an zu weinen. Ich wollte Jon nicht verlieren. Und wenn es sein musste, dann wenigstens nicht mit der Angst, dass wir auffliegen könnten.

Dieser Zwischenfall schockierte mich so sehr, dass ich jetzt erst wieder die Realität sah.

Eine Träne rollte über meine Wange und ich wischte sie mit meinen warmen Händen weg.

Jemand fasste mir an die Schulter und ich erschrak.

„Ich bin’s nur.“, hörte ich Alex sagen und er setzte sich neben mich.

„Hast du irgendjemandem von dem Treffen zwischen mir und Jon erzählt?“, fragte ich unter Tränen, ohne ihn anzuschauen.

„Nein, natürlich nicht!“, antwortete er und schaute mich schräg an.

Ich drehte mich zu ihm und legte meinen Kopf auf seine Schulter. „Sorry, so etwas hätte ich nicht denken dürfen.“, sagte ich.

„Was war denn los?“, fragte er vorsichtig.

„Jon und ich…wir sind im Bett gelandet und wir haben uns heute wieder verabredet. Ich bin mir so sicher, dass wir beide Gefühle füreinander haben, aber unter diesen Umständen?“

Alex streichelte mir kurz, aber intensiv meine Haare.

„Unter welchen Umständen?“, hakte er nach und ich war ihm so dankbar, dass er keinen weiteren Kommentar abließ.

„Man hat uns gesehen…fotografiert. Bei Hubert sind Bilder von uns aufgetaucht. Eindeutige Bilder.“, sagte ich und sah erst jetzt, dass ich zwei davon immer noch in den Händen hielt.

„Hier.“ Ich übergab sie Alex.

Der musterte die Fotos und seufzte.

„Da seid ihr aber in eine miese Situation gekommen.“ Er gab mir die Bilder zurück. „Und was nun?“

Ich zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß es nicht. Ich muss es wohl oder übel beenden, obwohl ich nicht kann. Ich kann es einfach nicht. Ich empfinde mehr für ihn. Auch wenn er übermorgen wieder weg ist.“, gestand ich und schaute Alex an.

„Wie, du kannst es nicht?“

Nun starrte ich Alex an.

„Ich verliebe mich gerade in ihn…ich kann ihn nicht gehen lassen.“, sagte ich deutlich.

„Aber du kannst das doch nicht machen! Er hat eine Frau, er hat Kinder!“

Ich hatte mich zu früh gefreut, denn jetzt gab Alex doch seinen Kommentar dazu und ich fühle mich schlecht.

„Ich muss ihn anrufen.“, stellte ich fest, ließ mir von Alex ein Taschentuch geben und schnaubte einmal kräftig.

Dann suchte ich mein Handy. Ich hatte es zum Glück – zusammen mit dem Zettel – in die Tasche gesteckt, bevor ich meine Wohnung verlassen hatte.

Ich wählte die Nummer, hielt das Handy an mein Ohr und wartete, dass sich jemand meldete. Ich war ehrlich gesagt ein wenig überrascht, dass am anderen Ende Jons Stimme ertönte.

„Ich bin’s, Natalie“, sagte ich nur.

„Hey Süße, wann können wir uns treffen?“, fragte Jon.

„Gar nicht.“ Mehr konnte ich nicht erwidern. Ich presste meine Lippen zusammen, um nicht weinen zu müssen.

„Wie meinst du das?“ Jon klang sichtlich irritiert.

„Man hat uns beobachtet…heute Nachmittag. Und jemand hat Fotos geschossen. Wir wären fast aufgeflogen. Mein Chef wird die Bilder nicht veröffentlichen und es sieht so aus, als hätten wir noch mal Glück gehabt, aber…“ Nun rann mir doch eine Träne die Wanger hinunter.

„…ich kann das Risiko einfach nicht mehr eingehen. Ich kann dich und deine Ehe nicht in Gefahr bringen. So viel ich auch für dich empfinde, es geht nicht. Es ist vorbei.“, sagte ich schweren Herzens und ich legte auf. Einfach so. Ich hörte nicht mehr Jons verzweifelte Rufe in sein Handy, ich möge doch bitte nicht auflegen und wir würden das schon schaffen.

Ja, schon schaffen. Er würde sowieso bald weg sein und dann? Dann wäre ich ‚die andere Frau’, unglücklich und würde warten müssen, bis er wieder hier in Deutschland ist. Wahrscheinlich würde ich daran zerbrechen.

„Es ist besser so.“, hörte ich Alex hinter mir sagen.

„Ja, vielleicht.“, sagte ich gedankenversunken. „Ich fahre nach Hause. Ruf bitte Susi für mich an, sie solle mich bitte besuchen. Bitte.“

Alex nickte und begleitete mich zum Auto.

Ich stieg ein, der Motor sprang an und ich brauste davon.

 

***

 

Mir ging es verdammt schlecht. Damit die Wohnung nicht so ruhig war, legte ich leise Jazz Musik auf und kuschelte mich auf mein Sofa. Jons Geruch hing immer noch im Raum und ich hielt es fast nicht aus. Ich hoffte inständig, dass Susi bald kommen würde. Ich brauchte jemanden.

Warum war ich nur so blind? Ich wusste, dass es hätte schief gehen können, aber ich vertraute auf das positive der ganzen Sache und das hätte fast alles ruiniert.

Ich liebte ihn. Das wurde mir jetzt klar. Aber ich konnte nicht mit ihm zusammen sein. Weder heimlich noch offiziell. Mir erschien dieser Schlussstrich besser, als wenn wir uns Übermorgen trennen müssten. Jon hatte Dorothea und er liebte sie. Jedenfalls hatte ich diesen Eindruck. Doch warum fing er dann etwas mit mir an? Männer waren für mich schon immer ein großes Rätsel. Jon machte da keine Ausnahme. Ich hatte ihn für einen treuen Ehemann gehalten, aber ich hatte mit ihm geschlafen, hatte ihn geküsst und mit ihm schöne Stunden verbracht. Er hatte seine Treue zu Dorothea gebrochen und nun? Was sollte ich von ihm halten? Liebte er mich so sehr, dass ihm alles andere egal war oder war er doch nur ein Mann, der nicht wusste, was er wollte?

Letzteres konnte ich mir nicht vorstellen, weil ich den Eindruck hatte, dass er anders war.

In meinem Kopf stauten sich so viele Fragen zusammen, die ich mir nicht beantworten konnte und auch nicht wollte, weil es zu schmerzhaft war zu sehen, dass ich den perfekten Mann gehen lassen musste.

Es klingelte an der Tür. Susi!, schoss es mir durch den Kopf, aber ich stürmte nicht hin, sondern schlurfte in meinen Pantoffeln zur Tür. Jetzt verfluchte ich diese Wohnung, denn ich benötigte schon eine ganze Weile einen Türspion, den ich aber nicht hatte.

Ich öffnete und bekam einen Schreck, dass ich die Tür wieder zu knallte, aber die Person hielt ihren Fuß dazwischen.

„Was machst du hier?“, fragte ich und bemerkte meine feuchten Augen.

„Ich muss mit dir reden.“, antwortete Jon und sah mich mit einem Hundeblick an.

„Ich hätte wissen müssen, dass es zu gefährlich ist. Aber ich habe nicht auf dich gehört und uns in Gefahr gebracht. Es tut mir leid, Natalie. Bitte beende das alles nicht einfach so.“, bat er mich. Ich schüttelte mit dem Kopf und gestikulierte ihm, er solle gehen, weil meine Stimme versagte, aber er tat es nicht und trat ein.

Ich wich zurück, wollte weg, doch er hielt mich fest und zog mich an sich heran.

„Ich liebe dich.“, sagte er mit einem ernsten Unterton und sein starrer Blick in meine Augen machte mir Angst.

„Du liebst mich?“, fragte ich entgeistert und versuchte mich loszureißen, doch ich hatte keine Kraft und gab mich einem seiner Küsse hin, die viel mehr als dies waren.

„Ja. Und ich will dich nicht verlieren.“, gestand er.

„Jon, wir müssen es beenden. Du kehrst nach New Jersey zurück. Noch in dieser Woche und dann bin ich wieder alleine. Du hast eine Familie, die dich liebt und ich möchte nicht dazwischen stehen.“, versuchte ich ihm klar zu machen und er ließ mich los.

„Ich weiß selbst, dass es falsch ist, aber ich kann nicht anders.“, sagte er und schaute zu Boden.

„Gott, das alles hätte nicht passieren dürfen. Wir haben uns zur falschen Zeit kennengelernt.“, äußerte ich und blickte ihn traurig an.

„Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll. Kehre ich zurück nach Hause, werde ich dich immer vermissen. Jede Sekunde. Bleibe ich hier, verliere ich meine Familie und meine Frau.“, sagte er und wollte mir seine Lage darstellen.

„Ich weiß. Du musst wieder zurück. Ohne mich hast du ein besseres Leben, Jon. Du hast Verantwortung. Du hast eine Band, du stehst in der Öffentlichkeit. Wenn unsere Affäre herauskommen sollte, stürzt sich die Presse auf dich und dein Image ist ruiniert.“, versicherte ich Jon.

„Ich mache mir am wenigsten Sorgen um mein Image, glaub mir. Ich verstehe nicht, wie ich so viel für dich empfinden kann. Wir kennen uns noch nicht sehr lange, doch du gibst mir so viel.“

Meine Augen füllten sich mit Tränen.

„Es geht mir genauso. Es ist toll, dich zu küssen, es ist schön, mit dir in einem Bett zu liegen, dich zu begehren und dich zu fühlen, aber es ist nicht schön zu sehen, dass ich dich nicht für immer haben kann. Es zerbricht mir das Herz und macht uns beide nur unglücklich.“, erklärte ich niedergeschlagen und fing an zu weinen.

Jon nahm mich zärtlich in seine Arme.

„Ich dachte, ich würde nie in so eine Situation kommen. Zwei Frauen gleichzeitig zu lieben und sich für ein Leben zu entscheiden ist verdammt schwierig.“, sagte er.

Ich schaute zu ihm hoch. „Bitte geh jetzt.“, sprach ich aus und löste mich aus seiner Umarmung. „Bitte.“

Er sah mich traurig an, atmete noch einmal tief ein und aus, gab mir einen letztes Kuss und ging.

Als die Tür zu war, sank ich zu Boden und weinte bitterlich. Warum musste die Liebe nur so schwer sein?

Ich lehnte mich gegen die Tür, legte meinen Kopf auf meinen Knien ab. Ich fühlte noch immer seine Lippen auf meinen. Der Kuss war immer noch so echt, als würde Jon noch da sein, aber er war es nicht mehr und ich war ganz alleine.

 

***

 

Vor dem Haus, in dem ich wohnte, stieß Jon mit Susi zusammen.

„Können Sie nicht aufpassen?“, fragte Jon erbost und sah in ihr Gesicht.

„Entschuldigen Sie, es tut mir…moment, sind Sie Jon Bon Jovi?“, entgegnete Susi und schaute verdutzt in sein Gesicht.

„Ja, der bin ich und wer sind Sie?“

„Susanne…na ja, eigentlich Susi. Natalies beste Freundin.“, stellte sie sich vor und bei meinem Namen zuckte Jon zusammen.

„Kommen Sie gerade von Ihr?“, fragte Susi und Jon nickte.

Für einen Moment standen die beiden einfach nur so da.

Dann sagte Jon: „Ich muss gehen. Nett, Sie kennengelernt zu haben.“

Er ging ein paar Schritte und drehte sich noch einmal um.

„Sagen Sie ihr bitte, dass ich sie schon jetzt vermisse und ich…“ Er stoppte, konnte nicht weiterreden.

„Ja, das werde ich machen.“, versicherte Susi und ging Richtung Haustür. Als sie sich ein letztes Mal umdrehte, hätte sie schwören könne, dass sich Jon eine Träne aus den Augen gewischt hatte.

 

***

 

Es klingelte nochmals und ich schreckte hoch. Ich saß immer noch zusammengekauert auf dem Boden und hatte nun Angst, dass Jon zurückkommen würde. Gegen meinen Willen. Und ich wüsste nicht, was ich dann machen würde.

Ich hielt mich am Türgriff fest und zog mich hoch.

Ich öffnete langsam die Tür und erkannte Susi.

„Endlich.“, sagte ich nur und sank in ihre Arme.

„Natalie, du zittert ja!“, bemerkte Susi, ging ein paar Schritte vorwärts und schloss die Tür. Wir gingen zusammen ins Wohnzimmer, wo wir uns auf das Sofa setzten.

„Ich habe Jon unten getroffen.“,  sagte Susi. Ich schaute sie mit großen Augen an.

„Er war am Boden zerstört. Zwar freundlich, aber völlig neben der Spur. Und ich hatte das Gefühl, als hätte er geweint.“

„Geweint?“, fragte ich unsicher nach. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn weggeschickt hatte. Doch es war nur zu unserem Vorteil. Das dachte ich zumindest.

„Ja. Ich kann mich auch irren, aber ihm ging es mies. Das war nicht zu übersehen.“, fügte sie hinzu.

Jetzt kam ich mir richtig schäbig vor.

„Was soll ich denn jetzt machen? Er hat gesagt, er liebt mich. Ich hatte keine bessere Lösung parat, als diese. Es muss so sein.“, versuchte ich zu erklären und sah Susi unglücklich an.

„Ich verstehe das ja. Er ist ein Star, hat eine Frau, Kinder, bla bla bla. Du würdest seine heimliche Geliebte sein. Und dir würde das nicht gefallen, weil du immer mit der Angst leben musst, entdeckt zu werden. Außerdem würdet ihr euch ganz selten sehen und wenn, dann würdet ihr euch zu sehr vermissen. Es wäre nicht gut für dich und auch nicht für ihn, aber ihr liebt euch. Liebe kann man nicht einfach so abschalten.“, sagte Susi.

Es kam mir vor, wie in einem absurden Leben. Eine Nebenspur von dem eigentlichen Geschehen.

„Hätte ich mich nur nicht auf diese ganze Flirterei eingelassen! Dann wären wir nicht im Bett gelandet und wir hätten uns nicht verliebt.“, stellte ich resigniert fest.

Susi seufzte kurz.

„Du hast zwar Recht, aber was geschehen ist, ist geschehen. Du kannst nichts daran ändern, nur das Beste daraus machen. Und wenn ich dich jetzt so sehe, dann weiß ich, dass du so auch nicht glücklich wirst. Ich kenne dich.“

Ich lächelte gezwungen, stand auf und stellte mich ans Fenster.

„Ich kann ihn nicht so gehen lassen. Gott, wir müssen eine verdammte Lösung finden!“, sagte ich und hätte jetzt am liebsten die Zeit zurückgedreht.

„F**k, ich muss den Artikel noch fertig schreiben! Aber das kann ich nicht, weil ich nur an Jon denken muss.“

Susi stellte sich neben mich und legte ihre Hand um mich.

„Geh zu ihm, rede mit ihm. Weder die eine noch die andere Variante sind richtig für euch. Du bist ihm wichtig, das habe ich in seinen Augen gesehen und er kann es nicht verkraften, dass du ihn einfach so gehen lassen willst. Er liebt dich.“ Susi sprach mir Mut zu, aber ich kam mir dumm vor. Zuerst dies dann das. Ich musste wirken, als wenn ich nicht wüsste, was ich wollte. Genau genommen wusste ich das ja wirklich nicht, aber ich wusste, dass ich ihn wollte, Jon.

Schnell holte ich mein Handy und wählte seine Nummer. Diesmal ließ ich es lange klingeln, aber niemand meldete sich. Niemand. Ich begann an mir zu zweifeln, an meinen Entscheidungen und an dem, was ich zu ihm gesagt hatte. Dann gab ich es auf.

„Er meldet sich nicht, Susi!“ Ich wandte mich an sie und Susi zuckte mit den Schultern.

 

***

 

In der Lobby saß bereits Richie, als Jon ankam.

„Hey, was ist los?“, fragte er sofort. Jon ging es nicht gut, dass wusste er.

„Nichts.“, sagte Jon nüchtern und setzte sich.

„Liegt es an der bezaubernden Journalistin, die dich vor zwei Tagen interviewt hat?“

Jon lachte abfällig.

„Mann, ich habe mich in sie verliebt. Und ich habe absolut keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Sie hat mich weggeschickt, gesagt, mein Leben würde ohne sie und mit meiner Familie besser sein.“, gestand er trocken.

Richie legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Du steckst ganz schön tief in der Tinte. Ich weiß ganz genau, dass du Dorothea liebst. Und deine Kids sowieso. Und du liebst Natalie. Verdammt, Jon!“

Jon blickte ihn abfällig an.

„Ist das wirklich das einzigste, was du dazu sagen kannst? Ich brauche deinen Rat. Den Rat eines Freundes und keinen dummen Kommentar, geschweige denn eine Zusammenfassung meiner jetzigen Situation. Ich weiß wie ich mich fühle!“, sagte er erbost und wollte gehen, doch Richie hielt seinen Arm fest.

„Als dein Freund sage ich dir, dass es besser wäre, wenn du zu deiner Frau zurückkehrst und diese Affäre vergisst. Als Außenstehender jedoch sage ich dir, dass du auf dein Herz hören musst. Auf das, was du wirklich fühlst und nicht auf das, was dich zum Rockstar macht.“, erklärte er und Jon blickte ihn schief an.

„Liest du zu viele Frauenmagazine?“, fragte dieser und musste unweigerlich lachen.

„Hey, du wolltest meinen Rat, hier hast du ihn.“

„Schon gut. Ich muss nachdenken. Und aus Berlin raus. Hier erinnert mich alles an Natalie.

Versuchst du für uns ein Hotel in der Nähe zu suchen?“, bat Jon.

„Okay, ich kann aber für nichts garantieren, Kumpel. Tico und David werden davon sicherlich nicht begeistert sein, aber ich versuche zu machen, was ich kann.“, versprach Richie.

„Danke, du bist ein echter Kumpel.“ Mit diesen Worten ging Jon zu den Fahrstühlen und packte in seiner Suite die Sachen.

 

***

 

„Dann fahr zu ihm ins Hotel, rede mit ihm!“, sagte Susi und schubste mich Richtung Tür.

„So verheult, wie ich aussehe? In diesem Zustand soll ich ihm gegenüberstehen?“, fragte ich und sah Susi an.

„Ja, dann mach dich fertig, schnell!“ Susi scheuchte mich ins Bad. „Das du alles so kompliziert machen musst!“, hörte ich sie noch sagen.

Dann war ich im Badezimmer verschwunden, suchte krampfhaft nach meinem Make Up, einer Bürste, Taschentüchern. Ich schaute nach allem Möglichen, dass mir zu einem schöneren Äußeren verhelfen könnte. Hektik lag in der Luft. Ich hasste Hektik. Ich hasste es, so schnell wie möglich fertig zu werden. Aber diesmal liebte ich es. Und ich liebte Susi. Sie munterte mich immer auf und verhalf mir zu meinem Glück. Wahrscheinlich musste dies auch geschehen, damit ich nicht die falschen Entscheidungen traf. Und ich hatte es bereits getan und hoffte inständig, dass es noch nicht zu spät war.

Wenige Minuten später trat ich aus dem Bad und Susi verschlug es die Sprache.

„Also wenn er dich so nicht nimmt, dann weiß ich auch nicht.“, sagte sie mit großen Augen und drehte mich einmal kurz.

„Hallo? Ich finde, ich sehe schrecklich aus!“ Doch anscheinend dachte nur ich so, denn Susi strahlte mich an.

„Komm jetzt, wir müssen fahren!“, drängelte sie und wir stürmten aus der Wohnung.

Das Auto wollte und wollte nicht anspringen. Ich verfluchte alles. Alles! Es war mir verdammt noch mal ernst, endlich zum Hotel zu kommen und Jon zu sehen.

Nach etlichen Versuchen klappte es und ich fuhr davon. Viel zu schnell wohl gemerkt. Aber das war mir egal. Selbst wenn ich in eine Kontrolle käme, es wäre mir egal.

Eine weitere Kurve, dann tauchte das Hotel vor mir auf. Der nächstbeste Parkplatz war meiner.

Ich sprang aus dem Auto, mit Susi im Schlepptau. Ich hatte überhaupt keinen Plan, was ich an der Rezeption sagen sollte. Ich wollte Jon Bon Jovi sprechen, ja, dann würde mich sicherlich niemand zu ihm lassen. Ich musste mir etwas einfallen lassen.

Wir rannten durch den Eingang, dann stand ich keuchend vor einer Dame, die etwas in ihren Computer tippte.

„Entschuldigen Sie, aber ich hätte eine kurze Frage.“, begann ich.

Sie schaute auf und musterte mich.

„Residiert Jon Bon Jovi hier?“, fragte ich kurz und knapp.

„Darüber dürfen wir Ihnen keine Auskunft geben.

Shit, dachte ich. Dann fiel mir etwas ein.

„Ich hatte vorgestern ein Interview mit ihm und wollte ihm meinen Artikel zeigen, um zu sehen, ob es ihm so recht ist.“, sagte ich und holte meinen Journalistenausweis heraus, der immer noch in meiner Tasche steckte.

„Hier haben Sie meinen Ausweis.“, ergänzte ich und die Dame schielte auf den Ausweis.

„Es tut mit leid, aber Herr Jon Bon Jovi ist vor einigen Minuten ausgecheckt. Zusammen mit der restlichen Band. Sie kommen leider zu spät.“

Diese Meldung traf mich wie ein ungeahnter Blitzschlag.

„Wie, er ist weg?“, fragte ich sicherheitshalber noch einmal nach, doch die Frau gab mir die gleiche Antwort, wie eben.

„Und wo sind sie jetzt?“, wollte ich wisse, aber sie zuckte mit den Schultern.

„Darüber wurden wir nicht in Kenntnis gesetzt.“

Ich drehte mich verzweifelt zu Susi, die die Schultern hängen ließ, bedankte mich bei der Frau und ging aus dem Hotel.

„Verdammt!“, brüllte ich laut und brach in Tränen aus.

Einige Leute auf der Straße schauten mich schräg an, aber ich beachtete dies nicht. Besser gesagt, ich bekam es noch nicht einmal mit.

„Er ist weg, er geht nicht an sein Handy und ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist.“

Ich schnappte nach Luft. Dabei vergrub ich mein Gesicht hinter meinen Händen. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder klar denken konnte.

„Ich habe alles vermasselt, alles.“, bemitleidete ich mich selbst.

Susi wollte gerade etwas sagen, ließ es dann aber doch. Wenn ich mich nicht täuschte, dann wollte sie mir in dieser Feststellung zustimmen, aber sie tat es nicht und dies machte sie zu einer echten Freundin. X – beliebige Menschen würden sagen, ich hätte selbst Schuld. Trotzdem machte es Susi nicht. Und ich war dankbar dafür.

Einmal atmete ich noch tief ein und aus, dann ging ich zum Auto zurück. Susi folgte mir auf Schritt und Tritt.

„Weißt du was? Ich habe überhaupt gar keine Lust, jetzt zu Hause zu sitzen. Es wird bereits dunkel und alleine halte ich es nicht aus. Lass uns in eine Bar gehe, dann vielleicht noch in einen Club. Ich will mich abreagieren.“, behauptete ich. Dabei wollte ich mich einfach nur betrinken. Ja, ich weiß, Alkohol ist keine Lösung. Aber kein Alkohol ist auch keine Lösung. Ich brauchte Spaß, dringend.

 

***

 

Nach einer langen Fahrt stoppten wir in der ersten Bar und ich bestellte mir einen doppelten Whiskey.

Susi musterte mich streng, nippte hin und wieder an ihrem Wasser und musste mit ansehen, wie ich einen alkoholischen Drink nach dem anderen in mich hineinkippte.

„Verdammt, was soll denn das?“, fragte sie schließlich und nahm mir meinen Cocktail aus der Hand.

„Ich kann dir das Trinken zwar nicht verbieten, aber dabei zusehen kann ich auch nicht. Was soll das den bitteschön bringen? Nur noch mehr Probleme und dazu noch einen schweren Kopf. Lass es, bitte!“

Susi klang zwar eindringlich, aber ich konnte ihr Verhalten nicht nachvollziehen.

Jon war weg, wie vom Erdboden verschwunden. Wahrscheinlich saß er im Flieger nach New Jersey und würde bald bei seiner Frau landen. Und das alles war meine Schuld. Weil ich nicht wusste, was ich wollte. Yin und Yang. Keine Ausgeglichenheit, nirgends.

Wie sehr hoffte ich, dass er einfach – jetzt – vor mir stehen und mich mit seinem Lächeln umhauen würde. Ich wollte leben, lieben und kein Trauerkloß sein, aber ich war es unweigerlich, auch wenn mir der Alkohol in die Sinne stieg.

Es war bereits später Abend. Die Männer in der angesagten Nachtbar waren allesamt nicht mein Typ. Ich wollte mich über Jon hinwegtrösten, flirten, Spaß haben, den Alkohol in meinem Blut spüren und wissen, dass ich es noch konnte. Dass ich noch Spaß haben konnte.

Susi tat mir leid. Sie müsste sich meine lallenden Reden anhören, zusehen, wie ich immer mehr intus hatte und mich an den erstbesten Typen ranschmiss, der mir über den Weg lief.

Eine halbe Stunde später – 30 Minuten vor Mitternacht – zog mich Susi von der Tanzfläche, brachte mich in ‚Sicherheit’.

„Was soll das?“, lallte ich und stolperte hinter ihr her, raus, an die frische, eigentlich warme Luft.

„Es reicht! Ich kann das nicht mehr mit ansehen, wie du dich selbst bemitleidest, in dem du dich besinnungslos betrinkst! Ich dachte, du bist aus diesem Alter raus!“

Susi klang sauer und sie war es auch, doch ich registrierte das nicht. Ich konnte nicht mehr klar denken und im Nachhinein fühlte ich mich kindisch und einfach nur falsch.

„Es ist mein…L…Leben und nicht deins.“, behauptete ich, riss mich los und stürmte wieder mitten ins Getümmel.

Susi stand draußen, hielt meine Handtasche in der Hand und kam sich so überflüssig vor. Für eine ganze Weile stand sie so da, überlegte, was sie tun könnte. Minute um Minute verging. Dann entschloss sie sich, noch einmal reinzugehen und zu sehen, was ich machte. Aber das brachte sie keinen Schritt weiter, denn ich tanzte wild vor mich hin.

„Es hat einfach keinen Zweck!“, stellte sie ernüchternd fest, ging wieder vor die Tür und bemerkte, dass sie immer noch meine Tasche hatte. Sie zögerte, zog dann doch mein Handy heraus und wählte Jons Nummer.

 

***

 

In einem kleinen Hotel in Potsdamm klingelte das Handy. Jon befand ich im Tiefschlag, schreckte aber auf und tastete nach seinem Telefon.

Der Abend war schon so schwer genung gewesen. Zwischen ihm und den Jungs herrschte eine kalte Stimmung. Der Umzug in dieses weniger komfortable Hotel gefiel ihnen nicht, doch statt ihnen die Wahrheit zu sagen, schwieg Jon über die Beweggründe und grübelte seit Stunden. Bis er dann endlich eingeschlafen war.

Ohne zu wissen oder zu ahnen, wer an der anderen Leitung war, ging er ran.

„Ja?“

„Oh, entschuldigen Sie, Jon, aber hier ist Susi. Ich störe wirklich ungern zu dieser späten Stunde.“, sagte Susi und Jon saß nun aufrecht im Bett.

„Ist etwas passiert?“, fragte er sofort.

„Das kann man so sagen. Nachdem Natalie endlich verstanden hat, dass Liebe mehr bedeutet, als nur ein Problem zu lösen, wollte sie Sie im Hotel besuchen und sich mit Ihnen unterhalten, aber Sie waren weg. Und nun stehe ich hier vor einer Bar und Natalie ist drinnen, sturzbetrunken und sie lässt sich da einfach nicht rausholen. Sie ist völlig neben der Spur, schmeißt sich voller Selbsthass an jeden Mann ran. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“, klagte Susi.

Jon wollte nicht glauben, was er da hörte. Er glaubte zu spüren, dass Natalie ihn nun brauchte, sprang aus dem Bett und zog sich schnell an.

„Wo ist diese Bar? Ich komme zu Ihnen.“, legte Jon fest und Susi zog in Berlin ein verdutztes Gesicht.

„Sie wollen jetzt wirklich kommen, mitten in der Nacht?“

„Was denken Sie denn? Ich kann Natalie nicht einfach in dieser Bar lassen, wenn Sie sie dort nicht rausbekommen. Ich liebe sie.“, erklärte Jon und Susi war so was von überrascht.

„Ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Danke. Ich wüsste nicht, was ich jetzt machen sollte.“, gestand Susi, biss sich auf die Unterlippe und wartete auf eine Antwort.

„Nein, ich danke Ihnen.“, erwiderte Jon und ließ sich die Adresse geben.

Kurze Zeit später saß er im Taxi und fuhr zur Bar.

Auf die Frage, warum er so spät noch unterwegs war – der Taxifahrer war neugierig – antwortete er, dass er etwas wichtiges dort vergessen hatte.

Ob man ihm diese Lüge abnahm, wusste er nicht.

Er musste doch verrückt sein, zu dieser Zeit diese Strecke mit dem Taxi zurückzulegen, nur wegen einer Frau.

Aber was sollte er machen? Jon wusste genau, dass sie seine Hilfe brauchte und nach allem, was Susi erzählt hatte, liebte sie ihn genauso, wie er sie liebte. Alles schien unbegreiflich. Es war noch nicht mal eine Woche vergangen, aber ihm kam alles wie ein Jahr vor.

 

***

 

Susi ging wieder hinein.

Zuerst bemerkte ich sie nicht, aber als sie mich am Arm zog und ich unsanft mitgeschleift wurde, realisierte ich sie.

Susi zog mich zu den Toiletten, schloss dann die Tür hinter uns.

„Du hörst mir jetzt zu: Nat, du bleibst jetzt hier drinnen, bis ich dich wieder hole. Hast du mich verstanden?“

Ich nickte nur kurz, wusste aber nicht wirklich, was sie von mir wollte. Doch ich befolgte ihre Anweisung und blieb wo ich war, während sie wieder raus ging.

Alleine Gott wusste, was sie jetzt wieder vor hatte, dachte ich in meinem Rausch und stolperte von einem Bein aufs andere.

Ich musste ganz dringend mein Geschäft erledigen und huschte in eine der Kabinen. Kein Wunder, bei allem, was ich so in mich hineingeschüttet hatte.

Ich hörte, wie die Tür wieder aufging, dachte, es wäre Susi und stürmte aus der Kabine, rutschte leicht aus und musste mich an eines der Waschbecken klammern, damit ich nicht zu Boden fiel.

Doch wer da nun im Raum stand, hatte mir gerade noch gefehlt.

Ein Pärchen, knutschend, fummelnd, bahnte sich seinen Weg durch den Waschraum zu den Kabinen. Mich hatten sie anscheinend nicht bemerkt, denn sie gingen immer weiter, bis sich die Frau auf den Klodeckel setzte und er die Tür zuschloss.

Ich faste mir an den Kopf. Zwar war ich stark angetrunken, aber ich bekam noch immer allerhand mit und das Gestöhne und Geschreie der beiden war nur der Vorgeschmack auf ein Liebesspiel, das mindestens zehn Minuten dauerte.

So ein Mist, dachte ich, aber ich hatte von Susi den Auftrag bekommen, hier zu bleiben.

Das letzte, was ich jetzt wollte, war eine kreischende Susi, die mir die Hölle heiß macht, weil ich in meinen Zustand durch die ganze Bar stolperte und nach ihr suchte.

Also musste ich mir wohl oder übel alles anhören, was die beiden da drinnen anstellten…und ich fand das mehr als eklig.

 

Draußen vor dem Gebäude stand Susi, schaute auf ihre Uhr, wartete. Jon müsste nach ihren Rechnungen schon eine Weile unterwegs sein.

Zum Glück war Potsdam nur rund 30 km entfernt. Sie wusste nicht, was sie gemacht hätte, wenn Jon in Köln oder München oder wer weiß wo gewesen wäre.

Es hatte sie ehrlich gesagt überrascht, dass er einfach so losgefahren war. Nach all dem hin und her hätte sie das nicht erwartet, aber sie hatte sich wohl getäuscht und war froh darüber.

Allerdings hatte sie mich noch nie so gesehen. Zusammen waren wir zwar schon mehrmals unterwegs gewesen, hatten den nächsten Tag einen Kater gehabt und den Alkohol verflucht, aber dass ich dermaßen durchdrehen würde, hätte sie nie im Leben erwartet. Es machte ihr große Angst und sie machte sich Sorgen. Zu recht.

 

Endlich, dachte ich. Das Paar kam aus der Kabine herausgestolpert und bemerkte mich. Sie schauten ein wenig irritiert und es war ihnen sichtlich peinlich.

„Nehmt euch nächstes Mal ein Zimmer.“, säuselte ich betrunken und rollte dabei mit den Augen.

Die Frau lächelte verlegen, aber zuckte mit den Schulter. Zusammen mit dem Mann verließ sie den Raum und ich war wieder alleine. Ich genoss die Ruhe. Eigentlich heißt es die Ruhe vor dem Sturm, aber hier wäre die Ruhe nach dem Sturm viel angebrachter.

Ich ging zu den Waschbecken und erfrischte mich ein wenig, bevor ich wieder zur Tür ging. Ich setzte mich daneben. Und ich hoffte, dass Susi endlich kommen und mich hier rausholen würde. Ich wollte wieder tanzen, Spaß haben.

 

Ein Taxi fuhr vor. Susi drückte den Rücken durch, wechselte ihre Fußposition und wartete. Jon stieg aus. Er übergab dem Fahrer das Geld für die Fahrt.

„Da sind Sie ja.“, sagte Susi.

„Wo ist Natalie?“, fragte er gleich und gab Susi eine freundschaftliche Umarmung.

„Ich hole sie schnell.“, erwiderte sie.

Susi rannte in das Gebäude, an den tanzenden Leuten vorbei zu den Toiletten.

 

Die Tür ging auf und ich schaute hoch.

„Na endlich bist du da. Hier hat es schon ein Pärchen drin getrieben und ich musste mir alles anhören. Wo warst du?“, fragte ich und sie half mir hoch.

Ohne ein Wort zu sagen gingen wir nach draußen. Ich atmete die Luft ein, als hätte ich das schon lange nicht mehr getan. Jemand nahm mich in den Arm. Es war nicht Susi und ich schaute hoch.

„Jon?“, fragte ich vorsichtig.

Er lächelte mich nur an, drückte mich noch fester an sich.

Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte.

„Wir bringen dich jetzt nach Hause.“, sagte er, umfasste meine Beine und trug mich zum Auto.

Er setzte sich zu mir nach hinten und Susi fuhr mich in meine geliebte Wohnung.

 

***

 

Ich schlug langsam meine Augen auf. Irgendwo bellte ein Hund. Draußen sangen Vögel. Ich versuchte meinen Kopf zu heben, doch der tat höllisch weh.

Ich konnte mich nur noch an Bruchstücke erinnern. Ich war in irgendeiner Bar, auf der Toilette…dann kam jemand und hat mich nach Hause gebracht. Mehr war nicht da. Ich verfluchte den Alkohol auf ein Neues, setzte mich hin (wobei das ein halber Akt war, weil mein ganzer Körper einfach nur schwer wirkte) und lauschte.

Da spielte jemand Gitarre! In meiner Wohnung! Ich wusste, dass ich noch eine alte Gitarre von meiner Mutter hier zu stehen hatte, aber ich hatte keine Ahnung, wer damit gerade klimperte.

Ich wickelte mir die Bettdecke um die Schultern und verließ mein Schlafzimmer.

Jemand sang einen mir bekannten Text.

„Please don't say my name, give this heart a break, please don't let me make the same mistake…”

Ich ging näher heran und erkannte die Stimme.

Jon saß in meinen Wohnzimmer auf dem Sofa und spiele ‚Open all night’ auf meiner Gitarre.

„Hey.“, sagte ich leise.

Er stoppte und sah zu mir hoch.

„Hi. Habe ich dich geweckt?“, fragte er.

Ich schüttelte mit dem Kopf.

„Warum spielst du ‚Open all night’ auf meiner Gitarre?“ Ich schaute ihn verdutzt an und hielt mir dann den Kopf.

„Ich weiß auch nicht. Mir war gerade danach. Wie geht es dir?“

Ich lachte nur kurz.

„Wie soll es mir nach so einer Nacht schon gehen. Mein Schädel brummt und mir ist das alles furchtbar peinlich.“, antwortete ich und setzte mich neben ihn.

Jon sah mich einfach nur an, legte die Gitarre beiseite und gab mir einen zärtlichen Kuss.

„Ich habe dich so vermisst.“, sagte er.

„Wie bin ich eigentlich wieder nach Hause gekommen und wo warst du?“

Ich atmete kurz durch. Mir kam das alles wie ein Wunder vor.

„Ich war in Potsdam. Nachdem du mich weggeschickt hast, wollte ich nachdenken und bin mit den Jungs in ein anderes Hotel, raus aus Berlin. Sie sind bestimmt sauer auf mich, weil ich ihnen nichts von dir erzählt habe. Außer Richie. Na ja…jedenfalls hat mich Susi mitten in der Nacht angerufen und gesagt, dass du in dieser Bar seiest und dich volllaufen lassen würdest. Sie hat dich dort nicht herausbekommen, also bin ich gekommen und wir haben dich nach Hause gebracht.“, gestand er.

Ich konnte das alles nicht recht glauben. Also hatte ich das alles nur Susi zu verdanken. Susi hatte Jon hierher gebracht und dafür gesorgt, dass ich nach Hause komme.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Du brauchst nichts zu sagen. Wichtig ist nur, dass wir jetzt hier sind. Zusammen.“

Jon nahm mich in den Arm. Ich fühlte mich so geborgen, vergaß meine Kopfschmerzen, schmiegte mich an seine Brust, an seine Muskeln.

„Was sollen wir jetzt machen?“, fragte ich nach einer Weile. Unsere Blicke trafen sich wieder.

Er zuckte mit den Schultern. „Um ehrlich zu sein, habe ich keine Ahnung.“, sagte er.

„Aber eins weiß ich: Ohne dich geht es nicht.“

Ich zwinkerte mehrmals, dann sagte ich: „Es tut mir so leid, dass sich mich nicht entscheiden konnte. Ich stecke voller Widersprüche, aber so sind wir Frauen nun mal. Ich liebe dich und ich weiß nicht, wie ich mich nur in einen verheirateten Rockstar verlieben konnte. Warst du eigentlich die ganze Nacht hier?“

Jon nickte. „Ja war ich und Susi auch. Sie ist gerade Brötchen holen.“

Ich lächelte leicht, bemerkte aber, dass mein Kopf immer noch brummte.

„Ich weiß nicht, was ich mir da gestern gedacht habe. Ihr zwei seid wirklich die Besten.“, sagte ich.

„Jeder macht mal Fehler und mein Fehler war es, einfach wegzugehen, statt zu kämpfen.“, erwiderte er.

„Aber es war doch alles meine Schuld. Hätte ich dich nicht gehen lassen, wäre das alles nicht passiert.“ Ich widersprach ihm energisch, denn ich wusste genau, dass er sich selbst die Schuld gab.

„Das ist ja auch eigentlich jetzt egal.“, sagte Jon und in diesem Moment ging meine Wohnungstür auf.

„Hey Nat, ausgeschlafen?“, fragte Susi leicht kichernd. Sie hielt eine Tüte mit frischen Brötchen in der Hand.

„Sehe ich so aus, als hätte ich ausgeschlafen?“, fragte ich zurück und legte den Kopf schief.

Susi musterte mich für einen Moment, dann schüttelte sie mit dem Kopf.

„Na also. Ich glaube, ich hätte mich gestern nicht betrinken dürfen.“, gab ich zu und löste mich aus Jons Umarmung.

Susi legte die Brötchen auf den Wohnzimmertisch, zog ihre Jacke aus und setzte sich auf den Sessel, der einladend vor ihr stand.

„Dafür ist es jetzt zu spät. Du warst so was von betrunken, ohne Jons Hilfe hätte ich dich da nicht rausbekommen. Weißt du überhaupt noch, was passiert ist?“

Ich lachte laut auf und hielt mir wieder den Kopf.

„Ich habe einen richtigen Filmriss. Als ich auf der Toilette gewartet habe, ist irgendjemand gekommen, aber ich habe keine Ahnung mehr, wer oder was das war.“, sagte ich.

„Ich wusste auch nicht, dass Jon da war und du mich mit ihm nach Hause gebracht hast. Wart ihr die ganze Nacht auf?“, fügte ich neugierig hinzu.

„Na ja, fast. Zwischendurch haben wir auch ein bisschen geschlafen, aber hauptsächlich haben wir über Musik und über dich gesprochen.“ Susi zwinkerte mir zu.

„Über mich?“, fragte ich und schaute dabei zu Jon, der sich seitlich hinsetzte, um mir in die Augen zu schauen.

„Wir hatten genügend Gesprächsstoff und da sind wir dann bei dir hängen geblieben.“, erklärte er amüsiert.

„In dem weißen Schrank im Badezimmer müssten Aspirin liegen. Ich brauche dringend eine Tablette gegen diese höllischen Kopfschmerzen.“, unterbrach ich die bisherige Unterhaltung. Susi stand auf.

Es war mir ehrlich gesagt ziemlich peinlich, dass die beiden über mich geredet hatten. Ich war noch nie mit den Gesprächen der anderen Leute über mich zufrieden gewesen, weil ich immer Angst haben musste, dass man etwas Schlechtes über mich sagt. Komischerweise merkte ich so etwas immer erst dann, wenn alles schon zu spät war. Und in diesem Moment war mir überhaupt nicht nach solchen Dingen zu mute. Ich wollte nicht, dass Jon schlecht über mich dachte. Dafür mochte ich ihn zu gerne und es wäre mir nicht wirklich recht.

„Hast du etwas?“, fragte Jon und legte seine Hand um meine Schulter.

Ich schüttelte nur mit dem Kopf. Ich hoffte, er würde nicht merken, was los war. Okay, zugegeben, es war kein Weltuntergang, aber in meinen Zustand hatte ich auf Diskussionen und andere Gespräche keine Lust.

Susi kam wieder, mit einem Glas Wasser und einer Aspirin Tablette darin.

„Hier.“, sagte sie und überreichte mir das Glas.

Ich trank es schnell aus, denn es schmeckte nicht wirklich. Mein verzerrtes Gesicht zeigte ganz deutlich, dass man an den Tabletten noch arbeiten musste. Vielleicht Erdbeergeschmack oder etwas mit Kirsche.

Ich übergab Susi wieder das Glas, das sie abstellte und sich wieder setzte.

Einige Minuten herrschte Ruhe. Erschreckende Ruhe, wie ich sagen musste, denn trotz der Tablette spürte ich, wie mein Kopf brummte.

„Was jetzt?“, fragte ich leise, um etwas in den Raum zu werfen.

Susi zuckte mit den Schultern. „Wir sollten vielleicht erst einmal etwas essen.“, stellte sie fest und begab sich in die Küche.

Nun war ich wieder mit Jon alleine. Ich wartete darauf, dass er mir sagte, was er nun dachte.

„Jon, wir müssen eine Lösung finden. Morgen bist du wieder weg. Aber diesmal müssen wir wirklich reden.“, sagte ich und setzte mich aufrecht hin.

„Natalie, ich habe die ganze Zeit nachgedacht. Auch, als ich nicht hier war, bei dir. Ich kann dir nicht sagen, was ich machen soll. Ich kann es einfach nicht. Ich liebe Doro…und ich liebe dich. Es ist einfach eine verflixte Situation.“, erklärte er.

Ja, ich verstand es. Ich war zwar noch nie in so etwas verwickelt gewesen, aber zwei Menschen zu lieben und sich für einen zu entscheiden müssen ist keine tolle Aufgabe. Für niemanden.

„Du hast mir gezeigt, dass es die Liebe noch gibt. Und dafür bin ich dir wirklich sehr dankbar.“

Er schaute mich verdutzt an. „Habe ich das?“

„Ja, das hast du und zwar sehr. Ich habe immer von der Liebe geträumt, besonders nach meinen bisherigen Beziehungen. Außerdem warst du schon immer mein Traummann. Deswegen hätte ich niemals damit gerechnet, dass du dich in mich verlieben würdest. Wir kennen uns noch nicht lange und ich bin immer noch der Meinung, dass du ohne deine Familie nicht leben kannst. Ich bitte dich nicht noch einmal zu gehen, das würde ich nicht aushalten, aber ich bitte dich, die richtige Entscheidung zu treffen. Ich weiß, das klingt vielleicht ungerecht. Zumal es für dich alles andere als leicht ist, aber ich könnte niemals damit leben, dich unglücklich gemacht zu haben.“

Meine Worte hörten sich im Nachhinein ziemlich altklug an und ich verfluchte mich, ihn vor so eine Entscheidung zu stellen, aber ich wusste, dass ich Recht hatte.

Er schwieg, blickte mich ein paar Mal an.

Ich hatte Angst vor seiner Entscheidung. Angst vor dem, was nun kommen könnte und ich hatte Respekt davor. Am liebsten wäre ich rausgerannt, zu Susi in die Küche, hätte ihn alleine gelassen, mich vor meinen Problemen gedrückt, aber Kneifen galt jetzt nicht.

„Okay.“, fing er an.

„Ich sage das jetzt, weil du es von mir verlangst und weil ich diese ganze Unwissenheit nicht mehr aushalten kann. Die Jungs, ich selbst und auch Doro könnten nicht damit leben, wenn ich meinen bisherigen Leben einfach abdanke und alles stehen und liegen lasse.“

Ich musste schlucken. Ich war mir so sicher, dass er sagen würde, dass er wieder zu seiner Frau zurückkehren und mich zurücklassen würde.

„Aber, und das ist der Hauptgrund, ich habe dich hier kennengelernt. Du hast mir so viel gegeben, was mir in den letzten Jahren gefehlt hat, diese bedingungslose Liebe. Du hast mich mit jedem einzelnen Blick und Lächeln verführt, hast mir gezeigt, dass die kleinen Dinge im Leben wichtig sind. Ich kenne dich noch nicht lange, aber ich kenne dich gut genung um zu wissen, dass du etwas ganz besonderes bist.“

Seine Worte hörten sich so schön an, fast wie in einem Traum.

„Da gibt es doch noch einen Haken, oder?“

Jon nickte schwerfällig.

„Niemand würde es mir verzeihen, wenn ich alles, was ich bis jetzt erreicht habe – privat und auch beruflich – im Stich lasse. Ich selbst würde es mir am wenigsten verzeihen. Es tut mir leid, aber ich kann hier nicht für immer bleiben. Wir können keine richtige Beziehung führen. Es geht einfach nicht. Jetzt muss ich dich vor eine Entscheidung stellen, so leid es mir tut.“

Ich hatte Tränen in den Augen und wusste nicht, was ich jetzt sagen sollte. Natürlich, es klang alles mehr als plausibel. Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen.

„Ich kann dich nicht gehen lassen, Jon. Ich will bei dir bleiben.“, flüsterte ich und lehnte mich zurück in seine Arme.

Er streichelte mir den Kopf. Mir kam alles so umsonst vor. Vielleicht war der Schlussstrich, den ich gestern gezogen hatte, der einzig richtige gewesen. Liebe geht über alles, doch ich konnte von Jon nicht verlangen, dass er alles für mich aufgab. Für einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, seine ‚heimliche Geliebte’ zu werden, aber ich erinnerte mich an all die Überlegungen und an all den Schmerz, den ich bei diesem Gedanken empfand.

„Ich will nicht egoistisch klingen oder egoistisch sein. Du weißt, dass ich mein Leben liebe. So, wie es ist.“, fügte er hinzu.

„Ja, das weiß ich. Ich frage mich nur, warum du dann zurück gekommen bist. Ich habe dir gestern erklärt, was ich fühle und wie ich diese ganze Situation finde. Dieser Schlussstrich schien für mich das Richtige zu sein.“

Jon überlegte einen Augenblick. Dann sagte er: „Ich bin zurückgekommen, weil du meine Hilfe brauchtest. Weil du mit deiner eigenen Entscheidung nicht zu recht gekommen bist. Aber ich denke, dass du nun weißt, was du willst.“

Ich lächelte leicht.

„Ja, ich will dich, aber nicht um jeden Preis. Ich möchte glücklich werden mit dir. Leider geht das nicht so, wie ich es mir gedacht habe.“, gestand ich ihm und mir selbst ein.

Ich schaute ihm in die Augen, die mich traurig anblickten. Er wischte mir eine Träne von der Wange und presste seine Lippen zusammen.

„Es ist schwer, für uns beide, aber ich denke, dass wir die richtige Entscheidung treffen. Ich bleibe den ganzen Tag und die Nacht bei dir.“, sagte er noch, dann griff er zum Handy.

„Was hast du vor?“, fragte ich irritiert.

„Ich rufe die Jungs an. Ich möchte mit dir wenigstens noch so viel Zeit wie möglich mit dir verbringen.“

 

***

 

Ich ging in die Küche, während er telefonierte. Susi stand vor meiner Arbeitsplatte und schnitt ein weiteres Brötchen auf, als ich hereinkam.

„Und?“, fragte sie gespannt, doch ich schüttelte den Kopf.

„Es geht einfach nicht. Wir würden zu viel verlieren, auch wenn wir einander gewinnen würden. Es ist besser so, glaub mir. Aber mir geht es so mies. Jon bleibt bis morgen früh noch bei mir. Dann müssen sie wieder nach New Jersey zurück.“, erklärte ich Susi, die darauf hin ein mitleidiges Gesicht machte.

„Meine Entscheidung war schon die richtige gewesen, aber ich habe sie falsch umgesetzt. Ich hätte schon früher so mit ihm reden müssen.“, setzte ich hinzu.

„Es tut mir wirklich leid, Süße. Ich hätte dir dein Glück gegönnt und wenn es nach mir ginge, würdet ihr jetzt glücklich sein.“

Ich streichelte ihr über den Rücken.

„Das ist wirklich süß von dir, aber ich denke, es ist einfach besser so.“, sagte ich. Ich ließ mich in ihre Arme fallen und wir drückten uns innig.

„Aber danke für alles.“

Susi nickte mir zu, dann gingen wir gemeinsam mit unserem Frühstück zurück zu Jon ins Wohnzimmer.

„Ich habe Kaffee gemacht.“, säuselte Susi und hielt die Kanne hoch.

Jon lächelte leicht, ich nahm ihm dies allerdings nicht wirklich ab und stellte die Teller auf den Tisch.

Nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem nicht sehr viel geredet wurde, räumte Susi freiwillig den Tisch ab. Sie wollte uns alleine lassen, uns Zeit geben, was ich ihr sehr hoch anrechnete.

„Okay.“, sprach ich aus und drehte mich zu Jon um. „Was nun?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Lass uns einfach die Zeit genießen.“, sagte er dann, fasste meine Schultern an und zog mich zu sich runter.

Ich musste lachen, doch ich konnte einfach nicht heile Welt spielen.

 

Nach einer Weile verabschiedete sich Susi von uns. Sie sagte, sie hätte noch etwas zu erledigen, aber ich nahm ihr das nicht wirklich ab. Schließlich wusste sie genau, dass wir Zeit zusammen verbringen wollten. Doch ich war ihr sehr dankbar. Sehr.

Jon und ich saßen sicher eine ganze Weile einfach nur so da und schauten uns an.

„Was wollen wir jetzt machen?“, fragte ich.

Er grinste wieder, aber ich sah eine gewisse Schwerfälligkeit darin. Ihm fiel das alles nicht leicht, das merkte ich.

„Wollen wir ein paar Songs singen? Ich habe im Moment wirklich Lust darauf und ich könnte mir vorstellen, dass du gut singen kannst.“, schlug er vor und schnappte sich wieder die Gitarre. Ich schaute verdutzt zu, wie er darauf klimperte und eine Melodie summte.

„Ich kann nicht singen.“, sagte ich. Ich konnte es wirklich nicht. Ich habe es in der Schule schon so dermaßen gehasst und jetzt wollte Jon unbedingt mit mir singen?

„Komm schon, du kannst das. Wie wäre es mit ‚Have a nice day’? Bringt wenigstens gute Laune.“

Er lächelte mich an, so dass ich nicht nein sagen konnte.

„Na gut, weil du es bist.“

Jon begann diese wohlbekannte Melodie zu spielen. Ich kannte den Text natürlich auswendig, aber ich verpasste trotzdem meinen Einsatz.

Es war ein befreiendes Gefühl einfach nur diesen Text zu singen und mit ihm zu lachen. Ungezwungen und ohne Hintergedanken. Für einen Moment vergaß ich sogar all unsere Probleme und dass er morgen weg war.

„Ich habe eine Überraschung für dich.“, sagte er, als wir fertig waren.

Ich setzte mich aufrecht hin und legte den Kopf schief.

Meine Kopfschmerzen waren ganz nebenbei verschwunden. Vielleicht lag es an der Tablette, vielleicht aber auch an der Situation.

„Ich habe einen Song für dich geschrieben. Nur für dich, damit dir etwas von mir bleibt.“, erklärte Jon. Jetzt spielte er wieder eine andere, mir unbekannte Melodie. Ich war gerührt von dieser Schwere, aber zugleich machte sich ein verzehrendes Gefühl in mir breit.

Die Lyrics waren schöner als jedes Gedicht und schöner als jede Liebeserklärung, die man bekommen konnte.

„When I see in your eyes, I feel free and loved. It’s just the way you treat me…you treat me like a real man. To love you isn’t that easy, but to be with you makes my dreams come true.”

Ich schlug die Hand vor meinem Mund. Ich wollte das Schluchzen unterdrücken, doch dann brach ich in Tränen aus.

Jon beendete den letzten Ton und schaute mich so eindringlich an. Er legte die Gitarre wieder beiseite, nahm mich zärtlich in den Arm.

„Das ist das schönste, was jemand je für mich gemacht hat. Du bist einfach so süß!“, schluchzte ich immer noch gerührt.

„Hat es dir wirklich gefallen?“, fragte er, doch Jon wusste bereits die Antwort.

Ich nickte zaghaft und küsste ihn. Wir versanken darin. Mehr, als jemals zuvor. Es war einer dieser Küsse, der undefinierbar war. Wunderschön und zärtlich zugleich.

Ich wusste nicht, wie spät es war, aber ich war sicher, dass schon einige Zeit vergangen sein musste.

Ich schlag meine Arme um seinen Hals, ließ mich von ihm ins Schlafzimmer tragen, wo er mich sanft auf das große Bett legte.

Wieder küssten wir uns. Er streifte mein T – Shirt von meinem Körper, küsste mich nochmals. Ich fühlte mich geborgen und begehrt. Aber es würde unsere letzte Nacht zusammen sein. Doch ich genoss es mehr denn je. Es war einfach unglaublich.

 

***

 

Wir verbrachten eine tolle Nacht miteinander.

Als ich am nächsten Morgen meine Augen öffnete, lag er immer noch neben mir und schaute mich an.

„Guten morgen. Hast du gut geschlafen?“, fragte er, strich mit seinen Fingern über meine Haut.

„Wie kann ich nach so einer Nacht nicht gut schlafen?“ Diese Gegenfrage brachte ihm zum Lachen.

Jon drehte sich um, schaute auf die Uhr, die ich auf meinem Nachttisch zu stehen hatte und schreckte auf.

„Mist, es ist 10 Uhr und um 10.30 Uhr wollte ich schon bei den Jungs im Hotel sein, weil um 12 Uhr unser Flug geht.“, stellte er entsetzt fest, sprang aus dem Bett, zog seine Boxershorts an, suchte seine Hose…alles ging so schnell und hektisch!

Ich erhob mich ebenfalls, zog mir ein T – Shirt über, während er sich in sein Hemd zwängte und den Hosenknopf schloss. Dann hielt er inne.

„Was ist?“, fragte ich und blieb ebenfalls stehen.

„Ich muss jetzt gleich gehen…für immer.“ Seine Stimme klang auf einmal ganz anders…traurig und enttäuscht.

Ich versuchte ein aufmunterndes Gesicht zu ziehen, aber ich schaffte es nicht. Jon zog mich zu sich heran, umklammerte mich fest und hob mein Gesicht.

„Versprich mir, dass du eine neue Liebe findest, okay? Versprich mir, dass du glücklich wirst.“

Mir flossen Tränen die Wangen hinunter, die er vorsichtig abwischte.

„Nicht weinen, bitte.“

Doch ich konnte nicht anders. Es war ein Gefühl wie tausend Nadelstiche. Ich spürte schon jetzt die Einsamkeit, die ich bald erfahren müsste.

Er drückte mich nochmals fest, ließ mich dann los und suchte seine restlichen Sachen zusammen, bevor er in den Flur ging und die Wohnungstür öffnete.

„Warte.“, sprach ich aus, griff seinen Arm, zog ihn ganz nah an mich heran und küsste ihn ein letztes Mal. Es war kein besonders wilder Kuss, aber er drückte all meine Gefühle aus.

Jon zwinkerte mir zu, seufzte kurz, sagte dann: „Ich muss jetzt gehen…leider. Bye Süße.“

Dann ging er und ließ mich zurück.

Ich schloss die Tür hinter ihm, lehnte mich an das Holz und ließ mich langsam nach unten gleiten.

Er war weg, für immer. Zu gerne hätte ich gesehen, wie er mir vor dem Start zuwinkte, mir alles Gute wünschte, aber leider hatte ich nicht die Gelegenheit dazu.

Wieder floss eine Träne.

„Ich verspreche es.“, sagte ich leise vor mich ihn.

 

 

ENDE

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